Gesellschaftliche Relevanz von Forschung im Fokus

25. Jänner 2011, 13:17
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Wiener Mediziner stellen als Ergänzung zum dominanten Scientific Impact Factor neues Instrument vor

Wien - Der "Scientific Impact Factor" bekommt einen immer größeren Stellenwert in der Wissenschaft. In vielen Fächern wird die - auf der Zitierhäufigkeit von Publikationen beruhende - Zahl zur Messung der Leistungsfähigkeit von Forschern herangezogen. Doch es gibt Bereiche, wo dieses Bewertungskriterium versagt oder zu kurz greift. Wissenschafter der Medizinischen Universität Wien haben deshalb ein Instrument entwickelt, mit dem sich auch die Auswirkungen von Forschungsergebnissen auf die Gesellschaft messen lassen sollen. In der Fachzeitschrift Nature haben sie nun um Begutachtung dieses Verfahrens gebeten.

Vor allem in der Medizin und den Naturwissenschaften hat es sich eingebürgert, mit dem Impakt-Faktor nicht nur die Leistung, sondern auch die Qualität einzelner Forscher, von Forschungsgruppen, ganzen Abteilungen und Universitäten zu messen. Bewertet wird dabei, wie viele Wissenschafter die Publikation eines Autors in einer Fachzeitschrift zitieren. Wichtig dabei ist auch der Impakt-Faktor der Zeitschrift: Je höher der ist, desto mehr Punkte bekommt man für eine Publikation darin. Gemessen wird der Faktor der Zeitschrift daran, wie oft andere Fachblätter einen Artikel aus ihr im Verhältnis zur Gesamtzahl der dort veröffentlichten Artikel zitieren. Mit dem "Scientific Impact Factor" zählt nur die Rezeption bei den Kollegen des eigenen Fachs, die Relevanz einer Forschungsarbeit für die Gesellschaft wird überhaupt nicht berücksichtigt.

Mittelvergabe auf "Scientific Impact Factor"-Basis

Für Wissenschafter ist das insbesondere dann ein Problem, wenn sie in einem Fach tätig sind, das kaum in Zeitschriften mit hohem Impakt-Faktor berücksichtigt wird. "Die Bewertung von Forschungsleistungen ist mittlerweile praktisch ausschließlich auf den Scientific Impact Factor ausgerichtet, ganz besonders in Österreich", erklärte Manfred Maier vom Zentrum für Public Health an der MedUni Wien. Auch die uni-interne Mittelvergabe erfolge vielfach auf dieser Basis. Niemand mache sich mehr die Mühe, die Bedeutung einer wissenschaftlichen Arbeit anders als über den einfach verfügbaren Faktor zu bewerten.

Als Beispiel nennt Maier den vom Institut für Sozialmedizin am Zentrum für Public Health erstellten "Österreichischen Diabetes-Bericht". Veröffentlichungen wie diese fänden keinen Niederschlag in Fachzeitschriften und lieferten demnach auch keine Impakt-Faktor-Punkte für die beteiligten Wissenschafter oder deren Institutionen. Dennoch können sie große gesellschaftliche Relevanz haben. Im Fall des Diabetes-Berichts etwa habe dieser als Grundlage für das österreichische Disease-Management-Programm Diabetes schließlich "unmittelbare Umsetzung in der Patientenbetreuung gefunden".

Aus diesem Grund sei international eine Bewegung in Gange gekommen, geeignete Instrumente zur Messung der Relevanz einer Forschungsarbeit für die Gesellschaft zu entwickeln, betonte Maier. "Das richtet sich nicht gegen den Impakt-Faktor, sondern soll eine sinnvolle Ergänzung für bisher vernachlässigte Aspekte sein", so der Mediziner. Er verweist etwa auf das große internationale Projekt SIAMPI im 7. EU-Rahmenprogramm, in dem Wissenschafter aus den Niederlanden, Frankreich, Spanien und Großbritannien Methoden zur Bewertung der sozialen Auswirkungen von Forschung entwickeln wollen.

Großes Interesse

Maier und sein Team sind hier schon weiter und haben vor kurzem in einem Leserbrief in Nature um Kommentare zu dem von ihnen entwickelten Instrument gebeten. "Wenn das auf akademischem Boden Fuß fassen soll, muss die Bewertung ohne viel Bürokratie, einfach und schnell machbar sein sowie in einer Messbarkeit enden", so Maier. Bewertet werden soll dabei das Ziel der Forschungsarbeit etwa hinsichtlich Zugewinn bzw. Anwendung von Wissen und das Bemühen, die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen bzw. gesellschaftlich umzusetzen. Die Bewertung soll dabei in einem ersten Schritt durch den Studienautor selbst vorbereitet und dann von einem Gutachter durchgeführt werden.

Das Interesse nach Veröffentlichung des Leserbriefs in Nature sei außerordentlich groß, sagte Maier, der aufgrund der Rückmeldungen das Verfahren entsprechend adaptieren will. Geplant sei dann auch, das Instrument zu publizieren.  (APA)

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