Werberat weiter ohne "Wiener Blut"

25. Jänner 2011, 15:02
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Werberat will sich in politische Werbung einbringen, aber "nicht instrumentalisieren" lassen - Bilanz 2010: 570 Beschwerden, viele wegen Rassismus - Vier Kampagnen zum Stopp aufgefordert

Das "Wiener Blut" der FPÖ regte 2010 auch den Werberat auf. Von den rund 570 Beschwerden, die beim Werberat eingegangen sind, wurde bei 248 als Beschwerdegrund "Rassismus" angegeben.

Doch der Werberat kann nach wie vor nur zu Wirtschaftswerbung und nicht für politische Werbung Entscheidungen fällen. Das Thema, wie und ob der Werberat auch für die Beurteilung politischer Kampagnen zuständig sein soll, beschäftigt die Organisation ja schon länger. Es sei schwer zu verstehen, warum sich politische Werbung nicht an die Grundprinzipien des Selbstbeschränkungskodex orientieren soll.

Suche nach Methodik

"Hier geht nicht so viel weiter, wie ich mir wünschen würde", sagt Michael Straberger, er ist Präsident des Österreichischen Werberats. Gespräche mit der FPÖ dazu habe es noch nicht gegeben, man wolle vorher passende Instrumentarien erarbeiten. Es gehe darum, "eine Methodik zu finden, ohne dass der Werberat politisch instrumentalisiert werden könnte", beschreibt Straberger die "Knackpunkte". Beschwerden beim Werberat könnten ja auch für politische Zwecke missbraucht werden.

Auf einen Zeitpunkt, wann der Werberat auch politische Kampagnen beurteilen wird, will sich Präsident Straberger nicht festlegen. Nur soviel: "Wir gießen stets Tropfen auf große Steine".

125 Entscheidungen, vier Stopps, 16 Aufforderungen zur Sensibilisierung

Von den 570 Beschwerden wurden zu 125 Fällen Eintscheidungen des Werberats getroffen. Vier Kampagnen wurden mit einem sofortigen Stopp belegt. Außer der bet-at-home.com-Kampagne - die Zidane-Sujets mussten sich wie berichtet den Vorwurf der Gewaltverherrlichung gefallen lassen - handelt es sich hier durchwegs um sexistische und frauendiskriminierende Werbung. Verurteilt wurden auch ein Inserat der Firma Genostar für eine Besamungsmethode, eine Werbung für das Opening der Diskothek Empire und ein Sujet für eine Sexhotline. Bei 16 Kampagnen (darunter Axe oder wie berichtet Hirter-Bier) wurden die Verantwortlichen aufgefordert, künftig sensibler vorzugehen.

Von den 125 Fällen waren vor allem Plakate (38), TV-Spots (26), Printanzeigen (14) und Prospekte (10) betroffen. In der Beschwerdestatistik führt der Bereich "Rassismus" mit 248 Beschwerden, 108 Beschwerden gingen wegen geschlechterdiskriminierender Darstellung ein, 81 wegen Verstößen gegen Ethik und Moral, 67 wegen Gewaltdarstellungen.

Präsidentenwahl im Frühling

Generell will man 2011 freilich weiter für mehr Akzeptanz und Vertrauen in den Werberat werben und die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen weiter ausbauen. Neu dabei als ordentliches Mitglied ist zum Beispiel die Interessensgemeinschaft der Mediaagenturen (IGMA). Im digitalen Bereich will der Werberat mit dem Internet Advertising Bureau Austria (IAB) zusammenarbeiten und so auch die Kompetenz im Onlinebereich stärken.

Bankhofer im Werberat

Im Werberat sitzt Hademar Bankhofer, dem deutsche Medienbehörden Schleichwerbung attestierten: In seinem Gesundheitsmagazin auf Bibel TV empfahlen Experten Produkte, von denen sie wirtschaftlich profitierten. Straberger hat mit Bankhofer über wiederkehrende Schleichwerbereien "noch nicht geredet". Mehr dazu bei Medienrechtler Hans Peter Lehofer hier.

Im Frühling 2011 steht die Wahl des Präsidenten und Vorstands an, auch Michael Straberger tritt wieder an. (ae, derStandard.at 26.1.2011)

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