Terror kehrt nach Moskau zurück

25. Jänner 2011, 10:16
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Ein Selbstmordattentat am Moskauer internationalen Flughafen Domodedowo hat mindestens 35 Todesopfer gefordert - Die Terrorspur führt in den Nordkaukasus

Mit lauten "Taxi, Taxi" Rufen werden die ankommenden Passagiere gewöhnlich am Moskauer Flughafen Domodedowo begrüßt. In der Ankunftshalle des größten russischen Flughafens herrscht meistens ein quirliges Durcheinander aus Gepäcktrolleys, lästigen Taxifahrern und wartenden Angehörigen. Am Montagnachmittag wurde diese hektische Betriebsamkeit jäh unterbrochen.

Um 16:32 Ortszeit zündete ein Selbstmordattentäter unweit des Sushi-Restaurants Asija eine Bombe, die mindestens 35 Menschen in den Tod riss. Mehr als 170 Menschen wurden verletzt. Unter den Toten ist auch ein britischer Staatsbürger.

"Es ist gerade ein Flug aus Duschanbe angekommen als plötzlich ein Mann mit einer schwarzen Jacke in die Mitte der Halle gegangen ist und ein lauter Knall erschallt ist", berichtete Artjom Schilenkow der Internetzeitung gazeta.ru. Andere Augenzeugen berichteten, dass Teile der Decke eingestürzt sind und von brennenden Körperteilen.

Dichter Rauch erschwerte die Orientierung nach der Explosion. Die ersten Bilder, die auf Youtube veröffentlicht wurden, erinnerten an die Waldbrände im Sommer. Auch damals zogen dichte Rauchschwaden durch den Flughafen. Die Sicht wurde zudem erschwert, weil der Strom ausfiel.

Kurz vor der Explosion waren Flugzeuge aus Odessa, Düsseldorf und London gelandet. Ein Fly-Niki-Flieger, der um 16:06 in Moskau landete, war kurz vor dem Anschlag wieder Richtung Wien gestartet. Eine AUA-Maschine wurde noch in der Luft nach Wien zurückgeholt.

Der Flugbetrieb in Domodedowo war zunächst eingeschränkt. Internationale Flüge wurden auf die Moskauer Flughafen Scheremetjewo und Wnukowo umgeleitet. In ganz Moskau ist gelten erhöhte Sicherheitsmaßnahmen.

Auf der Zufahrtsstraße nach Domodedowo bildete sich rasch ein kilometerlanger Stau, der den Rettungswagen das Vorwärtskommen erschwerte. Taxifahrer nutzten die Situation aus und hoben die Preise für eine Fahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum kräftig an. Statt der sonst üblichen 1700 Rubel wurden Preise von bis zu 20.000 Rubel fällig.

In der unübersichtlichen Situation machten im Internet schnell Gerüchte die Runde. So berichteten Augenzeugen von mehr als 70 Todesopfern und einer zweiten Explosion am Flughafen Domodedowo. Die Ermittler bestätigten diese Information aber nicht. Russische Medien berichteten zudem, dass es eine Terrorwarnung gab.

Bombe von über sieben Kilo

Bis jetzt hat sich noch niemand zu dem Anschlag bekannt. Laut den Ermittlern sollen an der Vorbereitung des Anschlages drei Männer aus dem Nordkaukasus beteiligt gewesen sein, die sich bereits seit längerem in der russischen Hauptstadt aufhielten, berichtete Interfax. Der Kopf eines Attentäters, eines Mannes zwischen 30 und 35 mit "südländischem Aussehen", sei gefunden worden. Die Bombe soll eine Stärke von über sieben Kilogramm TNT gehabt haben.

Moskau wird immer wieder zum Ziel islamistischer Extremisten. Erst im März 2010 hatten zwei Selbstmordattentäterinnen aus Tschetschenien in der Moskauer U-Bahn sich mit 40 Menschen in die Luft gesprengt.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion kämpfen tschetschenische Rebellen um die Unabhängigkeit und die Gründung eines islamischen Emirates im Nordkaukasus. Die beiden Kriege, die Russland in Tschetschenien führte, schürten den gegenseitigen Hass. Zuletzt war es in der russischen Hauptstadt immer wieder zu interethnische Konflikte gekommen. Bei Auseinandersetzungen zwischen Nationalisten und Zuwanderern aus dem Nordkaukaus wurden Dutzende Menschen verletzt.

Präsident Dmitri Medwedew verurteilte den Anschlag und kündigte an, dass die Hintermänner des Anschlages bestraft würden. Seine Eröffnungsrede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos hat Medwedew abgesagt. (Verena Diethelm aus Moskau, DER STANDARD, Printausgabe, 25.1.2011)

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    Beamte des russischen Innenministeriums bewachen eine Halle des internationalen Moskauer Flughafens Domodedowo kurz nach dem verheerenden Anschlag, bei dem die Ankunftshalle stark beschädigt wurde.

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    quelle: der standard
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