"Guardian": Auch NATO-Dokumente belasten Regierungschef Thaci
Straßburg - Im Europarat haben Abgeordnete aus mehreren
Staaten eine internationale Untersuchung zum mutmaßlichen illegalen
Organhandel im Kosovo gefordert. Sie verwiesen am Dienstag auf
Zeugenaussagen und Polizeiberichte, nach denen auch der erst kürzlich
wiedergewählte Regierungschef des Kosovo, Hashim Thaci, und andere
Führungsmitglieder der früheren kosovarischen Befreiungsarmee UCK in
den Handel verwickelt waren.
Abgeordnete unterschiedlicher politischer Couleur aus mehreren
Europaratsländern forderten die unabhängige internationale
Untersuchung zu den Vorwürfen. Daran sollten neben der EU-Mission im
Kosovo (EULEX) auch die Behörden des Kosovo teilnehmen, hieß es in
einer Entschließung, die am Nachmittag in Straßburg verabschiedet
werden sollte.
Die britische Zeitung "Guardian" berichtete, auch geheime
Dokumente der NATO enthielten Vorwürfe gegen Thaci und einen seiner
Vertrauten. Thaci und der frühere Logistikchef der UCK, Xhavit
Haliti, gehörten zu den "größten Fischen der organisierten
Kriminalität" im Kosovo, heißt es in den Dokumenten, die der Zeitung
nach eigenen Angaben zugespielt wurden. Haliti, ein Pate des
organisierten Verbrechens, habe großen Einfluss auf Thaci ausgeübt.
Die USA und andere westliche Staaten, welche die Behörden im
Kosovo unterstützten, hätten seit Jahren Kenntnis von diesen
kriminellen Verbindungen gehabt, berichtete die Zeitung weiter.
Haliti gehöre noch immer zu den engen Beratern des heutigen
Regierungschefs und sei ein führendes Mitglied der Regierungspartei
PDK. Thaci und Haliti wiesen die Vorwürfe mehrfach zurück. Nach
Darstellung der serbischen Regierung sind dem Organhandel im Kosovo
etwa 500 Menschen zum Opfer gefallen. Rund 400 von ihnen seien Serben
gewesen.
Dem im Dezember veröffentlichten Bericht der Parlamentarischen
Versammlung des Europarats zufolge wurde der illegale Organhandel
während des Kosovo-Krieges Ende der 90er Jahre organisiert. Demnach
ließen kosovo-albanische Banden, unter ihnen eine Gruppe, die Thaci
nahestand, in der Zeit von 1998 bis 2000 Organe von Gefangenen
entnehmen und auf dem internationalen Schwarzmarkt verkaufen.
Die Opfer waren demnach Serben oder Kosovaren, die als "Verräter"
galten. Es gebe Beweise dafür, dass die UCK die Gefangenen im Norden
Albaniens in geheimen Gefängnissen "unmenschlicher und erniedrigender
Behandlung" ausgesetzt habe, heißt es in dem Bericht. Anschließend
seien die Gequälten verschwunden.
Der Berichterstatter der Parlamentarier-Versammlung, der Schweizer
Liberale und ehemalige Staatsanwalt Dick Marty, bekräftigte am
Dienstag die Vorwürfe. Hinweise über die Machenschaften gebe es in
zahlreichen Polizeiberichten, sagte er vor den Abgeordneten aus den
47 Europaratsländern. Auch die frühere UNO-Chefanklägerin des
Kriegsverbrecher-Tribunals für Ex-Jugoslawien in Den Haag, Carla del
Ponte, habe auf diese Vorgänge hingewiesen, sagte Marty weiter.
"Diese Anschuldigungen gibt es seit vielen Jahren, doch nichts ist
passiert."
Marty verteidigte den Umstand, dass Thaci in seinem Bericht
namentlich genannt wird. Sein Name und der anderer führender
UCK-Mitglieder tauchten in mehreren Polizeiberichten auf. Er habe
Namen genannt, damit nicht das gesamte kosovarische Volk verdächtigt
werde, sagte Marty. Sein Bericht richte sich weder gegen die
Kosovaren noch gegen die Serben. Auf keinen Fall solle er die
Verbrechen des früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic
rechtfertigen, betonte Marty. (APA/AFP)