Eine sehr spitze Geschäftsbeziehung

24. Jänner 2011, 20:06
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Tonnen von Vorarlberger Spitze wurden in den letzten Jahrzehnten nach Nigeria verkauft, die Geschäfte leiden unter Finanzkrise und China-Konkurrenz

Wien - Nigerianische Geschäftsfrauen, pittoresk gekleidet, sind in Hohenems und Umgebung keine Seltenheit. Wenn Großimporteurinnen wie Adenike Adewuyi oder Chief Temitenjo Owolana ihre alljährliche europäische Shoppingtour in Sachen Stoffe absolvieren, weiß die ganze Region: Jetzt werden wieder die Verträge ausgehandelt, die in einem hohen Maße die Auslastung für das nächste Jahr bedingen.

Die besten Stickereimaschinen stehen in Vorarlberg, einer auch im europäischen Vergleich Hochlohnregion. Das Neueste vom Neuen, wahre Wunderwerke der Elektronik, die über Bildschirme gesteuert werden und alle Arbeitsvorgänge von der Musterzeichnung bis zur Applikationsarbeit integrativ vereinen.

Häufig werden auf diesen Maschinen Stoffe für Nigeria gewebt und gestickt: schimmernde Paillettenstickereien, gewagte Lochstickereien, Spachtel-, Ätz-, Reliefstickereien und wie die Techniken alle heißen. In der Regel festliche, farbenfrohe Stoffe.

Seit den 60er-Jahren gibt es diese vorarlbergisch-nigerianischen Wirtschaftsbeziehungen. Damals wurde der westafrikanische Staat unabhängig und versuchte, die in der Kolonialzeit etablierten Handelsagenturen auszuhebeln. Der erste österreichische Handelsrat in Lagos, Heinz Hundertpfund, ein Vorarlberger, beobachtete, wie beliebt Weißstickereien in der ganzen Region waren. Er legte erste Kontakte, und schon bald florierte das Geschäft.

Seither kleiden die Vorarlberger die Nigerianer ein - zumindest die schmale, reiche Bevölkerungsschicht, die von den Ölvorkommen profitiert. Dass das westlichste österreichische Bundesland als das viertgrößte Stickereigebiet der Welt gilt und noch immer in der arbeitsaufwändigen Branche fest verankert ist, daran hat das 160 Millionen Einwohner umfassende Nigeria beträchtlichen Anteil.

In Orten wie Lustenau, Hohenems oder Feldkirch ist es ganz normal, dass nigerianische Importeurinnen, vom Schweizer Flughafen Friedrichshafen mit dem Taxi kommend, in den Stickereibetrieben die neuesten Designs und Muster begutachten und ihre Bestellungen für die kommende Saison abgeben. Diese Frauen - der nigerianische Stoffhandel ist fest in weiblicher Hand - werden Marktfrauen genannt, obwohl sie in der Regel nicht auf Märkten arbeiten, sondern ihre eigenen Geschäfte haben, wahre Großlager für Stoffe. Respektvoll werden sie häufig "Chief", Chef, genannt.

Allerdings haben die Beziehungen durch die Finanzkrise gelitten. Die Währungsverhältnisse sind alles andere als günstig. Die internationale Konkurrenz ist härter denn je. China versucht, den Markt an sich zu reißen, und arbeitet zu konkurrenzlos günstigen Preisen. Binnen zehn Tagen kann ein in Asien gefertigtes Stoffplagiat in Nigeria auftauchen, weiß Markus Riedmann, Obmann der Vorarlberger Stickereiwirtschaft. Da hilft auch nicht viel, dass "Ware, die wir vor 30 Jahren verkauft haben, noch immer tadellos ist", wie er es stolz formuliert.

Auch früher schon waren die Wirtschaftsbeziehungen des Öfteren angespannt. Anstatt auf teurer, importierter Ware sollte etwa in den 80ern des vorigen Jahrhunderts der Fokus auf lokal handgewebte Stoffe gelegt werden, wollte damals die nigerianische Regierung - durchaus verständlich.

Viel Lohnstickerei
Damit die alten Nord-Süd-Geschäftsbeziehungen eine Zukunft haben, wird man neue Wege beschreiten müssen (siehe Artikel links), da sind sich alle einig. Alle, das sind immerhin 241 Vorarlberger Unternehmen, die im Stickereigewerbe vertreten sind. 114 davon sind Arbeitgeberbetriebe - sie beschäftigen 640 Mitarbeiter. Der Rest sind Lohnsticker, Ein-Personen-Betriebe, die ein, zwei Maschinen besitzen und damit den großen Betrieben zuarbeiten: Beispielsweise lösen sie die Musterdesigns in die exakten Stichfolgen für die Maschinen auf. Oder sie säubern die frischen Stickereien von heraushängenden Fäden. Dieses feine Finish ist neben Innovationsbereitschaft der Grund, weshalb die Vorarlberger sich gegenüber chinesischer, koreanischer und indischer Ware weiterhin behaupten.

Fast hundert Prozent der Ware aus Vorarlberg wird exportiert; die Exporterlöse liegen bei 650 Millionen Euro (Zahlen von 2009). Insgesamt 621 Tonnen Stickereien werden im Jahr hergestellt, eine gigantische Menge Stoff. In 82 Ländern werden die Waren abgesetzt und sind beispielsweise die Basis für die "lingerie" des glamourösen US-Unterwäschekonzerns Victoria's Secret. Doch ist Nigeria mit fast der Hälfe der gesamten Produktion der weitaus größte Abnehmer.(Johanna Ruzicka; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.1.2011)

 

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