Die schwierige Suche nach einem Platz zum Sterben

24. Jänner 2011, 18:37
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In Wien gibt es derzeit kein einziges Hospiz - Todkranke Patienten werden auf Palliativstationen stabilisiert und nach Hause geschickt - Laut Experten fehlt Menschen oft die passende Betreuung für ihren letzten Weg

Als Reinhard L.s Mutter vor ein paar Jahren in ein Seniorenheim übersiedelte, gingen Mutter und Sohn davon aus, dass die Pensionistin den Rest ihres Lebens dort verbringen würde. Sollte sie einmal Pflege brauchen, würde sie ihr Einzelapartment gegen einen Platz auf der angeschlossenen Pflegestation eintauschen - so lautete der gemeinsame Plan.

Als zum Krebs ein Oberschenkelbruch dazukam, konnte das Pflegeheim die medizinische Versorgung allerdings nicht mehr gewährleisten, und die todkranke Frau wurde auf die Palliativstation des Krankenhauses Göttlicher Heiland im 17. Bezirk verlegt. Mutter und Sohn gingen erneut davon aus, dass sie nun an jenem Ort angelangt war, an dem sie sterben würde - und irrten sich ein weiteres Mal.

Denn nach drei Wochen musste L. die Station wieder verlassen und ihr Sohn sich nach einem neuen Pflegeplatz umsehen. "Ich dachte immer, im Hospiz kann man so lange bleiben, wie man zum Sterben braucht", sagt Reinhard L. "dabei hat man nicht einmal dort seine Ruhe." L.s Mutter zog in ihren letzten Lebenswochen mehrfach unfreiwillig um. Vor einigen Monaten starb sie schließlich in einem privaten Pflegeheim.

"Im Gegensatz zu einem Hospiz sind wir keine Sterbestation", sagt Michael Preitschopf, Leiter der Palliativstation St. Raphael im Krankenhaus Göttlicher Heiland. "Unsere Aufgabe ist, die Menschen medizinisch, psychisch und sozial so abzusichern, sodass sie daheim wieder betreut werden können." Der Großteil der Patienten wolle die letzten Tage ohnehin lieber zu Hause verbringen, die wenigen Patienten, die nicht privat unterkommen, vermittle man nach zwei bis drei Wochen an ein Pflegeheim.

Schmerzlinderung

"Das ist allerdings nicht immer einfach", sagt er. "Es gibt leider keine ausreichende Anschlussbetreuung, da hinken wir sehr nach." Er fordere deshalb auch seit langem eine Hospizstation beziehungsweise mehr mobile Betreuung, "denn Pflegeheime in Ehren, aber die können dem nicht nachkommen, was ein Hospiz kann." In Wien gibt es derzeit kein einziges Hospiz. Auch die Einrichtung der Caritas Socialis am Rennweg ist streng genommen eine Palliativstation - also eine Einrichtung, bei der Stabilisierung und Schmerzlinderung im Mittelpunkt steht. Von den 245 stationär aufgenommenen Patienten im Jahr 2009 blieben nur 20 länger als 21 Tage. "Das ist auch eine Frage der Ressourcen", sagt Pressesprecherin Sabina Dirnberger. "Der Arzt und sein Team müssen sich ständig fragen, wer sie am meisten braucht." Zusätzliche Palliativ- und Hospizplätze würden natürlich Druck wegnehmen, sagt Dirnberger.

In Niederösterreich, Salzburg und der Steiermark gibt es insgesamt 63 Hospizbetten, in Wien setzt man hingegen auf den Ausbau von Palliativplätzen. Zu den 53 bestehenden sollen in den nächsten vier Jahren 37 dazukommen. Der Bedarf an Hospizstationen sei gering, sagt Susanne Drapalik vom Wiener Krankenanstaltenverbund. "Entscheidend ist, dass wir auf den Krankenhaus-Stationen und in Pflegeheimen ein Zusatzangebot haben - und das haben wir." Im Krankenhaus Nord, das derzeit gebaut wird, ist weder eine Hospiz- noch eine Palliativstation eingeplant. "Dort ist die Schwerpunktsetzung anders", sagt Drapalik. (Martina Stemmer, DER STANDARD; Printausgabe, 25.1.2011)

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    In Niederösterreich, Salzburg und in der Steiermark gibt es insgesamt 63 Hospizbetten. In Wien setzt man hingegen auf den Ausbau von Palliativplätzen. Bis 2015 sollen 37 neue dazukommen.

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