"Tschetschenisierung" brachte Krieg ins Herz Russlands

24. Jänner 2011, 18:12
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Radikale Separatisten reagierten auf Moskaus Strategie mit einer Terroroffensive

Die Geschichte des Terrors im postsowjetischen Russland hängt eng mit den ethnisch-religiösen Konflikten in den russischen Kaukasusrepubliken zusammen. Der unter Präsident Boris Jelzin 1994 begonnene erste Tschetschenienkrieg endete 1996 mit einem Friedensvertrag, der der Teilrepublik de facto die Unabhängigkeit bringen sollte. Nicht eingehaltene Zusagen Moskaus einerseits, islamistische Einflüsse aus dem Ausland und teils kriminelle Clanstrukturen in Tschetschenien andererseits verhinderten jedoch eine nachhaltige Stabilisierung der Region.

Anfang August 1999 griffen rund 400 tschetschenische Freischärler die Nachbarrepublik Dagestan an. Es kam zu erbitterten Kämpfen mit russischen Einheiten. Am 5. September attackierten etwa 2000 tschetschenische Kämpfer einen anderen Bezirk in Dagestan und töteten mehrere hundert Menschen.

Daraufhin marschierte die russische Armee auf Befehl des damaligen Regierungschefs und späteren Präsidenten Wladimir Putin am 1. Oktober 1999 erneut in Tschetschenien ein. Vorangegangen waren von Ende August bis Mitte September Sprengstoffanschläge auf Wohnhäuser in Moskau und Wolgodonsk, bei denen insgesamt 228 Menschen ums Leben kamen. Die russischen Behörden machten tschetschenische Terroristen dafür verantwortlich. Bis heute ist aber der Verdacht nicht entkräftet, der russische Geheimdienst könnte hinter den Anschlägen stehen, um eine zusätzliche Begründung für den neuerlichen Einmarsch in Tschetschenien zu schaffen.

Der zweite Tschetschenienkrieg wurde 2009 von Russland für beendet erklärt. Er war gekennzeichnet von massiven Menschenrechtsverletzungen (Entführung, Folter, Ermordung Verdächtiger durch russische Einheiten) und begleitet von Terroranschlägen in Russland selbst, wie dem Überfall auf ein Moskauer Musicaltheater und Selbstmordanschlägen sogenannter schwarzer Witwen, Frauen getöteter Rebellen.

Präsident Putin hatte die "Tschetschenisierung" des Konflikts eingeleitet: Übertragung weitreichender Vollmachten auf den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, der mit seinen berüchtigten Milizen für "Ordnung" sorgte. Russland ließ im Gegenzug Gelder zum Wiederaufbau in die Kaukasusrepublik fließen. Heute herrscht im Land eine gewisse Stabilität. Die militärisch in die Defensive gedrängten Separatisten machen ihre Drohung, den Krieg ins Herz Russlands zu tragen, offensichtlich aber immer wieder war. (jk/DER STANDARD, Printausgabe, 25.1.2011)

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