Kreuz und Halbmond

24. Jänner 2011, 17:54
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Minarett und Stephansturm - wo ist das Problem?, fragte Kardinal Schönborn in der ORF-Pressestunde - Schließlich standen jahrhundertelang in vielen Städten Kirchen und Moscheen sowie Synagogen friedlich nebeneinander

Die Katholiken in Österreich werden immer weniger - aber die Mitglieder anderer Denominationen werden immer mehr. Etliche katholische Kirchen in Wien sind in letzter Zeit mangels Gläubiger anderen Gemeinschaften überantwortet worden. Ein Trend, der noch lange nicht an sein Ende gekommen ist.

In der barocken Stadtpfarrkirche in Lainz sind schon seit Kardinal Königs Zeiten die syrisch-orthodoxen Christen zu Hause. Die Pfarrkirche Neulerchenfeld wird schon bald den Serbisch-Orthodoxen gehören. In der sogenannten Russenkirche bei der UNO-City sitzen die Kopten und in der schönen Servitenkirche in der Rossau die Maroniten. Und kreuz und quer durch die Stadt zieht sich, weithin von der Öffentlichkeit unbemerkt, ein dichtes Netzwerk von Kirchen und Gemeinden, deren Mitglieder aus dem tiefen Orient kommen: Chaldäer und Melkiten, Armenier, Antiochaner und Malankaren, Russisch-, Rumänisch-, Bulgarisch-, Griechisch-Orthodoxe, Christen aus dem Libanon, dem Irak, aus Ägypten, Zentralafrika und Indien. Niemanden stört das, weder die treuen katholischen Kerzlweiblein noch den Erzbischof.

Und die Muslime? Auch sie, mittlerweile fast eine halbe Million in Österreich, sind beileibe kein einheitlicher Block, wie ihre Feinde gern glauben machen. Es gibt Sunniten, Schiiten und Aleviten, sie kommen nicht nur aus der Türkei und der arabischen Welt, sondern auch aus Bosnien und Mazedonien, aus Tschetschenien und Pakistan, aus Nigeria und Bangladesh. Alle haben sie ihre eigenen Gebetsräume und Einrichtungen. Ein Minarett hat nur die Große Moschee jenseits der Donau, und das soll, da seien die allerchristlichsten Kämpfer Strache und Kronen Zeitung vor, auch so bleiben. Muezzin statt Pummerin - das muss verhindert werden, da wedelt der FPÖ-Chef auch gern einmal mit dem Christenkreuz in der Luft herum.

Die offizielle katholische Kirchenleitung hätte freilich nichts dagegen. Minarett und Stephansturm - wo ist das Problem?, fragte Kardinal Schönborn in der ORF-Pressestunde. Schließlich standen jahrhundertelang in vielen Städten Kirchen und Moscheen sowie Synagogen friedlich nebeneinander und bereicherten das Stadtbild. Sarajevo ist nur ein Beispiel von vielen.

Am Dreikönigstag besuchte der Wiener Erzbischof mit den Sternsingern die Moschee mit dem Minarett. Würdenträger wie Gläubige von beiden Seiten waren zufrieden. Und in der katholischen Pfarre Neufünfhaus, mitten im Wiener Türkenviertel, amtiert ein Pfarrer, der gut Türkisch spricht. Sein Erzbischof hatte ihn auf ein Jahr zum Sprachelernen in die Türkei geschickt. Seither gibt es beste Beziehungen zwischen Kreuz und Halbmond, zumindestens im fünfzehnten Wiener Gemeindebezirk. Pfarrer und Imame besuchen einander, man tauscht sich aus, es gibt gemeinsame Veranstaltungen und Feste.

Man kann der katholischen Kirche vieles vorwerfen, aber eines nicht: Dass sie provinziell ist. So wie es aussieht, ist sie derzeit eine der ganz wenigen Institutionen, die wirklich begriffen haben, dass Wien eine Stadt der religiösen und kulturellen Vielfalt ist - und dass das ganz okay ist. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, Printausgabe, 25.1.2011)

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