Das kleine Ich, das bin doch ich

24. Jänner 2011, 17:11
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Das Comeback der politischen Band Gang of Four

Wien - Franz Ferdinand hatten zuletzt auf dieser Grundlage einige sympathische Hits. The Rapture verdanken den alten Vorgaben alles. Selbst der reichlich sinnentleerte kalifornische Happypeppi-Sound der Red Hot Chili Peppers ist auf diesem Fundament gebaut. Und auch von all jenen Bands und Sensationen, an die man sich gar nicht mehr erinnern kann und mag (!!!, LCD Soundsystem, Radio 4 und, und, und) von dieser Stelle ein herzliches Dankeschön.

Gang of Four, die britische Band, die Ende der 1970er-Jahre den affirmativ lebensfrohen wie drogenverseuchten Stil des Funk mit politischer Theoriegeschultheit aus den linken Philosophieseminaren verband, meldet sich nach 15 Jahren Kreativpause zurück. Dem britischen Quartett um Gitarrist Andy Gill und Sänger Jon King verdankt die heutige Welt so genannter alternativer Musikentwürfe schlichtweg alles.

1979 veröffentlichten Gang of Four mit dem Album Entertainment! eines der bis heute gültigen Statements zum Thema: Wenn man seine Unzufriedenheit künstlerisch umsetzen will, empfiehlt es sich zumindest musikalisch, die eigene Unzufriedenheit nicht im Jammertal von Moll zu begraben. Es geht zwecks Steigerung der Effizienz darum, dem eigenen Unbehagen mit aggressiver Beschwerdeführung und Selbstbewusstsein zu begegnen.

Dies hatte im Gefolge von Klassikern wie den Songs At Home He's A Tourist und der Jahrhundertnummer To Hell With Poverty (We'll Get Drunk On Cheap Wine) bis zu Arbeiten wie den von der Band bis heute nicht mehr wieder aufgelegten Meisterwerken wie Songs Of The Free zur Folge, dass hier das Private politisch und das Politische ökonomisch ausgelegt wurde.

Nachdem sich Gang of Four nach ihrer freiwilligen Ruhigstellung in adäquate Lohnberufe wie Produzentenjobs für junge Musiker oder erfolgreiche Karrieren in der Welt von Netz 2.0 zurückgezogen hatten, folgte jüngst ein Comeback. Die Songs von Entertainment! wurden auf Welttour wie auf der CD Return The Gift erfolgreich neu eingespielt und interpretiert. Alte, etwas hoppertatschige Schwankungen wollten ausgeglichen werden. Gleichzeitig entstand das Bedürfnis, sich selbst upzudaten.

Mit dem vorliegenden Album Content zielen Gang of Four n mit altem Zynismus auf gerade angesagte Begrifflichkeiten aus der Welt und ihrer aktuellen Warenangebote. In dieser gibt es außer Identifikation mit Images zumindest in der westlichen Welt scheinbar nicht länger wirtschaftliche Notwendigkeiten: "Who am I when everything is me?!" Immerhin gilt "Inhalt" nicht erst seit heute als durchaus zu definierende Beigabe diverser neumodischer Mogelpackungen hinter diversen Brandings, Blogs und optisch hübsch gestalteten Behältnissen wie CD-Covers.

Musikalisch wertkonservativ auf alten Fundamenten ruhend, stellen Andy Gill und Jon King auch Fragen auf Antworten, die längst gegeben scheinen. Das individuelle Selbst ist abgeschafft. Der Kapitalismus hat gesiegt. Er schafft sich gerade selbst ab. Was zählt, ist locker zu bleiben. I Party All The Time schiebt sich mit schweren, lärmigen Funk-Gitarrenriffs über den Bildschirm in eine Welt, die nur noch MP3s, kleine Lautsprecher und Überdruß im Mangel kennt. Echt ist anders. Dies gilt immerdar: Der Text ist die Party. (Christian Schachinger, DER STANDARD - Printausgabe, 25. Jänner 2011)

  • Gang of Four feiern mit "Content" die Rückkehr des politisch gedeuteten 
Funk im Sinne von Punk: "Wer bin ich, wenn alles gratis ist?"
    foto: grönland

    Gang of Four feiern mit "Content" die Rückkehr des politisch gedeuteten Funk im Sinne von Punk: "Wer bin ich, wenn alles gratis ist?"

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