Todtnauberg liegt an der U 1

24. Jänner 2011, 17:34
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Michael Gruner inszeniert im Wiener Nestroyhof ein Stück über die unmögliche Liebe von Hannah Arendt und Martin Heidegger

Ein Gespräch.

Wien - Vor kurzem war der deutsche Regisseur Michael Gruner (66), den man schüchtern nennen müsste, wenn man nicht wüsste, dass er vor allem vergrübelt ist, in das Getriebe des nordrhein-westfälischen Kulturhauptstadtjahrs hineingeraten.

Der Intendant des Dortmunder Schauspiels, der jetzt im Hamakom-Theater, also im Wiener Nestroyhof, inszeniert, verabschiedete sich 2010 nach elf Direktionsjahren, indem er Christoph Ransmayrs Odysseus, Verbrecher aus der Taufe hob. Die Feuilletons hatten Beobachter entsandt. Gruner, den man sonst gerne vergaß, wenn man "Bondy" oder "Neuenfels" nannte, stand als feinhöriger Riese akklamiert vor dem Vorhang: Soeben hatte ein Schubert-Chor in Baumwollunterhosen dem rasenden Heimkehrer Odysseus musikalisch die Leviten gelesen.

Der Blutdurst war verraucht. Eine Gesellschaft muss, möchte sie zu Frieden und Demokratie zurückfinden, sich ihrer besten, ihrer edelsten Möglichkeiten besinnen. Sie muss, in ihrem eigenen Interesse, auf Schubert hören.

Gruner, der Schwernehmer unter den erstklassigen Schauspielregisseuren, stand schon einmal auf dem Präsentierteller: Als Schauspieler war der Vogtländer einst einer jener unverfrorenen Verbaltechniker, die in Peter Handkes Publikumsbeschimpfung aggressiv zu Wort gekommen waren: 1968 war das, im Frankfurter Theater am Turm (TAT).

Heute inszeniert Gruner ein Stück der Israelin Savyon Liebrecht: Die Banalität der Liebe handelt von der schlechthin merkwürdigen Liebe der Philosophin Hannah Arendt zu ihrem Lehrmeister Martin Heidegger. Arendt, die spätere Totalitarismus-Forscherin, überschrieb ihr späteres Buch über den Eichmann-Prozess mit der Banalität des Bösen. Ihre vermeintliche Kaltschnäuzigkeit erregte Anstoß nicht nur bei den Überlebenden des Holocaust.

Begrüßung der Nazis

Dagegen Heidegger: Der Meisterdenker aus Todtnauberg hatte nicht nur seine schlechthin unvergleichliche Existenzialphilosophie entwickelt (Sein und Zeit) - er begrüßte die Machtübernahme der Nazis mit seiner berüchtigten "Rektoratsrede". Als "In-der-Welt-Seiender" war Heidegger spätestens 1945 eine unmögliche Person geworden. Als erloschener Parteigänger der Nazi-Verbrecher war er nicht nur der philosophischen Fachwelt ein entschuldigendes, vielleicht ein rechtfertigendes Wort schuldig geblieben. Heideggers Selbstauskunft unterblieb bis zu seinem Tod 1976.

Savyon Liebrechts Text spielt mit den verschiedenen Lebensaltern der Protagonisten: Er ist das, was Gruner selbst ein "Well-made play" nennt. Man begegnet der jungen, begeisterungsfähigen Studentin - und einem egozentrischen, in seinen familiären Banden relativ bequem verstrickten Kauz. Gruner erkennt in dieser Konstellation nicht weniger als den einen, freilich entscheidenden Gedankenaussetzer des letzten Jahrhunderts: "Der Faschismus ist für uns nicht abzuhaken."

Arendt (1906-1975), die politologisch versierte Philosophin, habe versucht zu verstehen: "Liebrechts Stück interessiert meine Schauspieler und mich, weil uns der Titel interessiert hat: ,Banalität der Liebe', was bedeutet das?"

Grundsätzlich sei die Liebe nicht banal - so wenig wie das Böse. Was Arendt, mit Blick auf den totalitären Verbrecher Eichmann, auch gar nicht gemeint haben könne. Wenn der Titel des Stücks nicht unbedingt meine, dass Liebe "dumm" oder trivial sei, so illustriere er vielleicht Folgendes: Auch weltumstürzende Aufschwünge wie die (erotische) Leidenschaft bleiben letztlich der schnöden Wirklichkeit ihrer jeweiligen Zeit verhaftet.

Gruner: "In unseren individuellsten Impulsen, in den verrücktesten Handlungen sind immer auch die Strukturen dessen enthalten, was wir sprengen wollen." Gruners Theaterabend - Premiere heute, 20 Uhr - wird vielleicht keine Grenzen sprengen. Aber er ist der hoffentlich mögliche Auftakt zu einer ganzen Gruner-Werkreihe in österreichischen Theatern. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 25. Jänner 2011)

  • Off-Arbeit im Hamakom-Theater: Michael Gruner (re.) beim Sondieren der 
Spielangebote im zweiten Wiener Gemeindebezirk.
    foto: nick mangafas

    Off-Arbeit im Hamakom-Theater: Michael Gruner (re.) beim Sondieren der Spielangebote im zweiten Wiener Gemeindebezirk.

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