SPÖ kauft Katze im Sack

24. Jänner 2011, 14:26
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Die Konsequenzen der "Mittleren Reife" könnten den bildungspolitischen Vorstellungen der SPÖ zuwider laufen

Über die "Mittlere Reife", die im Jahr 2020 eingeführt werden soll, kann man nur mutmaßen. Wie diese „kleine Matura mit 14" konkret aussehen soll und welche Konsequenzen sie haben wird, ist noch unklar. Eine Expertengruppe soll jetzt erst einmal mit der Erstellung eines Konzeptes betraut werden. Unterrichtsministerin Claudia Schmied stimmt damit einem Vorhaben der ÖVP zu, von dem weder Modalitäten noch Konsequenzen durchdacht wurden. Sie kauft die Katze im Sack. Erst Anfang Jänner, als die ÖVP ihre Idee von der Mittleren Reife präsentiert hatte, hat sich Schmied noch "gegen weitere Hürden für 14-Jährige" ausgesprochen.

Gerade anlässlich der Kreisky-Feierlichkeiten könnte sich die SPÖ wieder einmal ihrer einstigen Ideale besinnen. Dass Bildung für alle zugänglich gemacht werden soll und dass die Schule Ungleichheit, die vor allem durch den sozioökonomischen Status der Eltern begründet ist, ausgleichen muss. So gut es eben geht. Erst die vor einigen Wochen veröffentlichten Pisa-Ergebnisse haben wieder einmal gezeigt: Ob man gut lesen kann oder nicht, hängt in einem sehr hohen Maße von den Eltern ab. Die SPÖ hätte sich erinnern können, dass Finnland auch deshalb als Pisa-Wunderland abgefeiert wird, weil es hier gelingt soziale Ungleichheiten durch ein gutes Schulsystem besser auszugleichen.

Spätestens wenn man die Studienanfängerquoten von Arbeiterkindern an unseren Unis betrachtet, muss man feststellen: Die SPÖ hat mit ihrer Bildungspolitik in den letzten Jahrzehnten kläglich versagt. Zusammen mit den erst kürzlich neu beschlossenen Zugangsregelungen an den Universitäten und der Kürzung der Familienbeihilfe wird die Elitenbildung an den Universitäten weiter vorangetrieben.

Die Mittlere Reife birgt jedenfalls auch viele Möglichkeiten, um Chancenungleichheiten und Elitenbildung weiter voranzuschreiben. So könnte dadurch etwa auch noch der Übertritt von der Neuen Mittelschule in die Berufsbildende Höhere Schule erschwert werden. Die Mittlere Reife könnte aber auch als Vorarbeit für einen schlüssigen Numerus Clausus-Modus dienen.

Die Mittlere Reife wird in der Logik der Wissenschafts- und Unterrichtsministerin wohl nur dann als sinnvoll erachtet werden, wenn die entsprechenden Prüfungsmodalitäten standardisiert, also für alle gleich sind. Dies würde allerdings voraussetzen, dass auch der Unterricht flächendeckend in guter Qualität stattfindet. Über die Mittlere Reife und ihre Konsequenzen zu mutmaßen ist allerdings hinfällig, solange das von den Experten noch auszuarbeitende Konzept fehlt. Aber es ist höchst bedenklich, dass die Kanzlerpartei einer Sache zustimmt von der sie weder Konsequenzen noch Modalitäten kennt. Einer Sache, die vielleicht sogar ihren sozialdemokratischen Vorstellungen von Bildungspolitik zuwider läuft. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 24. Jänner 2011)

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