"Die Integrationsdebatte ist defizitorientiert"

24. Jänner 2011, 09:45
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Der Migrationsforscher und Publizist Mark Terkessidis kritisiert die Defizitorientierung der Migrationsdebatte und wünscht sich Vielfalt in öffentlichen Institutionen

Während im akademischen Bereich über Inter- oder Transkultur, über hybride Räume, über "dritte Räume" der Kulturbegegnung nachgedacht und diskutiert wird, ist in der öffentlichen Debatte ein Rückschritt zu beobachten, führte Mark Terkessidis vergangenen Freitag in seinem an der Universität Wien gehaltenen Vortrag "Das Programm Interkultur" aus. Dieser „Rückschritt" beziehe sich auf einen aus den 1970er-Jahren stammenden Begriff, dem ein konservatives Verständnis von Kultur zu Grunde liegt: Integration.

Die durch Thilo Sarrazin in Deutschland neu angeheizte Integrationsdebatte ist auch hierzulande in vollem Gange und aus der öffentlichen Diskussion nicht mehr wegzudenken. Die mit dem Begriff "Integration" einhergehenden Vorstellungen sind dabei (nicht nur in den Boulevardmedien) hauptsächlich negativ besetzt und eng an Schlagwörter wie Ghettobildung, Parallelgesellschaft, Integrationsunwilligkeit, kulturelle und sprachliche Unterschiede gekoppelt. Das in einer vielfältigen Gesellschaft liegende Potenzial werde "weitgehend ausgeblendet", sagt Mark Terkessidis.

Defizitorientierung

Stattdessen würden - vermeintliche - Defizite von MigrantInnen bzw. Personen mit Migrationshintergrund in den Mittelpunkt der Integrationsdebatte gerückt: „Das derzeit herrschende, normative Verständnis von Integration strebt danach, Mängel aufzuzeigen", so der Migrationsforscher und Publizist. Als Beispiel führt er den in Schulen durchgeführten Sprachstandsdiagnosetest an, bei dem die Sprachbeherrschung der SchülerInnen erhoben werden soll. Das Problem daran sei, dass diese Tests „ausschließlich auf Deutsch" durchgeführt würden, während das „Können in der Muttersprache" unberücksichtigt bleibe. Schlechte Testergebnisse könnten „fatale Folgen" haben. So sei beispielsweise aufgrund „ihres unterdurchschnittlichen Abschneidens" in einer deutschen Schule „eine Sonderklasse für Kinder mit Migrationshintergrund" eingerichtet worden. Diese Vorgehensweise bezeichnet Terkessidis als den „absolut falschen Weg". Anstatt auf vermeintliche Defizite zu fokussieren, sollte die Förderung von Vielfalt, von vorhandenen Potenziale und Interessen im Mittelpunkt stehen.

Geschlossene Pforten zur "Hochkultur"

Dringenden Handlungsbedarf ortet Terkessidis in staatlichen Institutionen und öffentlichen Einrichtungen, die diese „Vielfalt der Gesellschaft" nicht ausreichend repräsentieren würden. Neben Ämtern und Behörden, Medien, Schulen und Universitäten hätten hier vor allem auch die „klassischen Kulturinstitutionen wie Theater und Oper" einiges nachzuholen, führt Terkessidis aus. Die Mehrheit der "klassischen GastarbeiterInnen" fühle sich von den kulturellen Institutionen nicht angesprochen, sondern bestenfalls eingeschüchtert, was den Migrationsforscher nicht wundert: „Wieso sollten sie sich auch angesprochen fühlen von Institutionen, in denen ‚ihresgleichen' nicht vertreten ist?", fragt er. Zudem hätten Kulturinstitutionen meist klar definierte AdressatInnen, „nämlich das Bildungsbürgertum". Bei vielen MigrantInnen - sowie bei Angehörigen sozial schwächeren Schichten im allgemeinen - seien diese Institutionen folglich "nicht in ihrer ‚cognitive map' verzeichnet". Hierin erkennt Terkessidis eine Ungerechtigkeit, denn „Wenn alle zahlen, um das Fortbestehen kultureller Einrichtungen gewährleisten zu können, sollten diese sich wiederum auch an alle Bürger, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, richten", fordert er.

"Radikale interkulturelle Öffnung"

Terkessidis plädiert folglich für eine „radikale interkulturelle Öffnung", die in allen öffentlichen Institutionen durchgeführt werden und auf die "demografische Entwicklung" Rücksicht nehmen müsse. Nur so könne gewährleistet werden, dass die "Gesamtheit der Gesellschaft mit all ihren Unterschieden" adäquat repräsentiert werde. Das "Programm Interkultur" müsse, so Terkessidis, also auf eine Umstrukturierung aller für die Gesellschaft relevanter Institutionen abzielen. Es könne nicht darum gehen, „die ‚Anderen' passend zu machen", vielmehr müsse es "Umstrukturierungen geben, die gewährleisten, dass alle zusammen leben können". Auf die Frage, was er unter dem Begriff des „transnationalen Raumes" versteht, antwortet der Migrationsforscher: „Für mich ist das ein Raum, in dem man nicht gut spricht. Also ein Raum, in dem ich gerne leben möchte." (Meri Disoski, 24. Jänner 2011, daStandard.at)

 

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