VIPs mit Schwips

23. Jänner 2011, 19:48
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FM4 feierte seinen 16. Geburtstag - "Embedded Journalism" zwischen Disco und Schokotorte

 

Wien - Lange Unterhosen und das Lebensgefühl des Rock 'n' Roll, das geht nicht zusammen. Zwar behauptet der Hardrock beharrlich das Gegenteil, lässt die Seinen aus Spandex fertigen und trägt sie und nur sie allein. Doch ihre verräterische Enge gebiert statt Sexiness bloß Komik. Da hilft keine Salatgurke nicht.

Anlass für derlei Gedanken war der FM4-Geburtstag, der Parteitag der Lässigen und Alternativen im Land. Seit 16 Jahren im Äther, feiert der Radiosender sein Bestehen jährlich im Jänner mit einem Open-Air-Fest in der Wiener Arena. Das ist ein wenig bescheuert, aber eben so hübsch anders. Da müssen auch die Jungs in die Strumpf- oder die langen Unterhosen, das ist gendermäßig voll all right.

Dermaßen parallelgesellschaftskonform stand man am Samstag wie frisch gewickelt am Hof der Arena und zählte die Sekunden, die es brauchte, um sich von der britischen Band Chikinki trotz wackerer Darbietung überzeugen zu lassen, dass sie es nicht wert ist, schon jetzt eins mit dem Permafrostboden zu werden. Nicht so früh am Abend.

Als Alternative versprach ein grünes Bändchen am Handgelenk Einlass in den VIP-Bereich. Boah. Dorthin, wo die Reichen und Schönen des FM4-Universums eng aneinander kuscheln: reich an Erfahrung und schön alt. Die meisten jedenfalls, und man selbst war da keine Ausnahme.

Im VIP-Bereich, abgeschottet von der unterpriviligierten Zielgruppe, raste der Schmäh. Die Getränke knisterten, als wären sie des Senders Esprit - um einen herum nur Plattenfirmenmenschen, Fernsehmenschen, Radiomenschen; VIPs mit Schwips. Hallo hier, Bussi dort. Alles gratis, alles wichtig, voll super.

So hätte es ewig weitergehen können, doch man musste hinaus in die Kälte. Dienst ist Dienst, da kann der Schnaps noch so schlüssig argumentieren. Man darf sich als "Embedded Journalist" nicht einkochen lassen. Es sind ja doch alle befangen, ein übles Milieu für die kritische Distanz. Den Abschied - Prösterchen, Servus, komm wieder! - erleichterte der nächste Programmpunkt, das Konzert von Hercules And Love Affair.

Die New Yorker Formation veröffentlicht Ende dieser Woche ihr zweites Album Blue Songs und war als Headliner der langen Nacht gebucht. Als vor drei Jahren ihr Debüt erschien, überschlug sich die Kritik, weil der schwule Tragöde Antony Hegarty - von Antony and the Johnsons - seine Stimme in den Dienst der treibenden Disco-Rhythmen gestellt hatte, was dem Hedonismus eine elegische Note verlieh.

Aktuell sucht die Formation die späten 1980er-Jahre heim, dockt beim wegbereitenden Trio Fingers, Inc. aus Chicago an, das House und Soul miteinander verschränkte. Was auf Platte mit wenigen Abstrichen für Entzücken sorgt, hatte den Minusgraden live wenig entgegenzusetzen. Die vorgefertigte Musik rief Andy Butler per Mouseklick ab, während sich singende Tänzer und tanzende Sängerinnen um die Hitze eines Clubs bemühten. Vergeblich.

Anschließend kam es zur rituellen Tortung des Publikums. FM4-Chefin Monika Eigensperger versenkte das Messer in die Senderlogo-gelbe Torte, dann wurde eine glückliche Minderheit vor der Bühne damit stückweise verköstigt: Mahlpfeit.

Diese Eindrücke von der Front erinnerten an eine im VIP-Bereich erspähte Schokotorte. Dienst mag Dienst sein, aber Torte bleibt Torte. Der gab man sich dann hin, die gab einen nicht mehr frei. (Karl Fluch/ DER STANDARD, Printausgabe, 24.1.2011)

  • FM4 tortet sein Publikum. Am Wochenende feierte der Radiosender seinen 
16. 
Geburtstag.
    foto: fischer

    FM4 tortet sein Publikum. Am Wochenende feierte der Radiosender seinen 16. Geburtstag.

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