Tischtennis mit den Erben der Pharaonen

23. Jänner 2011, 19:46
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Mehr als 4000 Kopten leben in Wien, kaum eine andere deutschsprachige Stadt versammelt mehr Mitglieder der koptisch-orthodoxen Kirche

Nur vage lässt sich noch die Farbe des Außenputzes erkennen, zu sehr hat der Zahn der Zeit am Barockschloss in der kleinen Gemeinde Obersiebenbrunn im Marchfeld genagt. "Schönbrunngelb", hilft Bischof Anba Gabriel nach und streicht fast liebevoll über die bröckelnde Fassade. Das mächtige Tor des einstigen Jagdschlosses von Prinz Eugen von Savoyen schmücken heute zwei große Kreuze. Ein erster Hinweis für Besucher, dass sich hinter den altehrwürdigen Mauern Tiefreligiöses verbirgt. Im Jahr 2001 erwarb die koptisch-orthodoxe Kirchengemeinde das dem Verfall Preis gegebene Gebäude. Im St. Antonius Kloster leben heute auf einer Fläche von gut 27.000 Quadratmetern - Hauptgebäude, Schlosspark, ein Jugendhaus und ein kleines Waldstück - neben dem Bischof noch vier Mönche und zwei Diakone. "Wir haben hier unter null angefangen. Es war eine Ruine ohne Strom und Heizung", erinnert sich Bischof Gabriel an den Auftakt zum Klosterleben vor zehn Jahren. Die hohen Gerüste im Schlosshof zeugen davon, dass man auch 2011 von einem Abschluss der Renovierungsarbeiten noch entsprechend weit entfernt ist. Und doch ist es in den letzten Jahren gelungen, ein spirituelles Zentrum eines der ältesten christlichen Kirchen zu schaffen: "Wir haben alle zusammengeholfen", erzählt der Bischof. Der Maurer sei Kopte, der Elektriker, der Tischler, der Installateur.

Seit 1976 in Österreich

"Wir betrachten uns als die direkten Nachkommen der alten Ägypter, des Volkes der Pharaonen. Bereits im 1. Jahrhundert durch den Heiligen Markus evangelisiert, sind die Kopten eines der ältesten christlichen Völker", erzählt der Bischof während des Rundgangs durch die feuchten Schlossgänge. Der Tag beginnt im Kloster um fünf Uhr morgens. "Mit den Mönchshymnen, unserem Morgengebet", erklärt Bischof Gabriel. In Österreich ist die koptisch-orthodoxe Kirche seit 1976 präsent. Derzeit zählt sie rund 6000 Mitglieder, im Jahr 2003 wurde sie staatlich anerkannt. Im 22. Wiener Gemeindebezirk befindet sich seit 2004 eine koptisch-orthodoxe Kathedrale, eigene Kirchen gibt es neben Wien auch in Graz, Linz und Klagenfurt. Koptische Priester gibt es insgesamt zwölf in Österreich - sieben sind verheiratet, fünf Mönchspriester: "Koptische Priester dürfen vor der Weihe heiraten, Bischöfe müssen hingegen zölibatär leben."

Manner mag man eben

Bischof Gabriel hat mittlerweile in einem großen Ledersessel im Empfangsraum des Klosters Platz genommen. Unter seinem Umhang zaubert er flink ein Smartphone hervor und grinst: "Interviews nehme ich immer auf. Damit ich nachprüfen kann, was dann in der Zeitung steht." Mit sichtlicher Vorfreude greift das Kirchenoberhaupt in eine kleine Schatulle neben dem Tisch, Sekundenbruchteile später bahnt sich eine Mannerschnitte den Weg durch den dichten, pechschwarzen Bart. "Ich lebe gerne hier in Österreich", bekundet Bischof Gabriel und reicht auch den Besuchern Wiener Traditionswafferln. "Es ist so ein sicheres, friedvolles Land." Es ist der Moment, an dem der sonst so gut gelaunte Bischof plötzlich nachdenklich wird. Die Erinnerungen an Silvester werden wach.

In der Nacht von 31. Dezember auf den ersten Jänner starben bei einem Anschlag in Alexandria 23 Kopten. "Mit gemischten Gefühlen" habe er daher die heurige Weihnachtsfeier Anfang Jänner - wie viele christliche Kirchen des Ostens feiern auch die Kopten gemäß dem julianischen Kalender Weihnachten am Vorabend des 7. Jänner - erlebt. Bischof Gabriel: "Da war viel Trauer, aber auch viel Kraft zu spüren. Es waren so viele Menschen wie noch nie in unseren Kirchen." Angst habe er keine: "Es liegt in Gottes Hand." Selbst eine angebliche Todesliste der Al-Kaida, auf der auch 15 Kopten aus Österreich stehen sollen, lässt das Kirchenoberhaupt kalt: "Da stehen Namen von Mitbrüdern drauf, die bereits ganz friedlich entschlafen sind. Man habe mit den ständigen Diskriminierungen in der Heimat "eben gelernt zu leben".

Ganzer Stolz des Bischofs ist übrigens das kleine Kopten-Museum im Schloss: "Manche Tonscherben hier habe ich selbst in Ägypten ausgegraben. Doch noch einer großen Leidenschaft frönt der Bischof: "Tischtennis. Da sind wir Kopten richtig gut. Im Kloster schauen wir darauf, dass sich regelmäßig ein Match ausgeht." (Markus Rohrhofer/DER STANDARD-Printausgabe, 24.1.2011)

  • Bischof Anba Gabriel in der großen Kapelle des Antonius-Klosters in Obersiebenbrunn: "Österreich ist eine Oase des Friedens."
    foto: andy urban

    Bischof Anba Gabriel in der großen Kapelle des Antonius-Klosters in Obersiebenbrunn: "Österreich ist eine Oase des Friedens."

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