"Zwischen Erfolg und Sturz ist wenig Platz"

23. Jänner 2011, 17:41
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Was der Schweizer Didier Cuche nach seinem vierten Abfahrtssieg auf der Streif alles zu erzählen hatte

Kitzbühel - Durchschnittlich 1,225 Millionen Menschen sahen in ORF eins die Abfahrt in Kitzbühel, das brachte einen nationalen Marktanteil von 74 Prozent. 45.000 Zuschauer wurden an der Streif gezählt. 70.000 Euro an offiziellem Preisgeld wurden dem Westschweizer Didier Cuche gezahlt, der mit seinem vierten Sieg mit Rekordler Franz Klammer gleichzog. Und der mit 36 Jahren und fünf Monaten der älteste Sieger eines Weltcuprennens ist.

Nach dem Rennen mutierte Cuche, der gelernte Fleischhauer und Spezialist in Sachen Blutwurst, zum Plaudertascherl: "Erstens sind die Ski sehr schnell gegangen dank des Servicemannes und der Skifirma. Es scheint alles perfekt gegangen zu sein bis ins Ziel, das habe ich zunächst nicht gedacht, ich habe den Stock am Start kurz verloren und einen Fehler im Steilhang gemacht. Jetzt, mit ein bisschen Abstand, realisierte ich, dass mir doch eine gute Fahrt gelungen ist.

Mehr Zeit werde ich brauchen, um zu realisieren, dass ich jetzt mit Franz Klammer in einem Atemzug genannt werde. Das ist ein spezielles Gefühl. Hier in Kitzbühel ist einfach alles zehnmal so viel, die Emotionen, der Nervenkitzel am Start. Man sagt, dass Stephan Eberharter hier die beste Fahrt von allen geschafft hat, aber diese Linie ist nicht mehr möglich, man würde viel zu viel Risiko nehmen, wenn man sie versucht.

Er hat mir ein Kompliment gemacht, das tut gut. Ich habe mir große Sorgen gemacht um Hans Grugger. Ich bin jetzt schon seit 1996 in Kitzbühel, und jedes Jahr gibt es ein, zwei, die sehr schlimm stürzen. Als Athlet muss man sich auf sein Ding konzentrieren und die harte Schale rausbringen. Wenn man Angst kriegt und die weichen Beine, darf man gar nicht an den Start gehen. Ich habe aber das Gefühl, dass sehr viel gemacht wird für die Sicherheit, es geht in die richtige Richtung.

Reminiszenzen

Nachdem Klaus Kröll die Abfahrt in Wengen gewonnen hat, habe ich für Kitzbühel die Revanche angekündigt, aber dass das so aufgeht, war nicht leicht zu planen. Als ich hier zum ersten Mal am Start war, war ich fertig, wollte mit der Gondel wieder hinunterfahren. Ich habe mich dann doch überwunden und fühlte mich wie ein Sieger mit achteinhalb Sekunden Rückstand. Im Rennen hatte ich nur noch 1,8 Sekunden Rückstand. Im nächsten Jahr war ich verletzt, und als ich 1998 wiedergekommen bin, habe ich den Sprint gewonnen. Am nächsten Tag bin ich Zweiter von ganz oben geworden. Seither reise ich mit einem guten Gefühl nach Kitzbühel.

Irgendwie bin ich stolz darauf, dass ich nun der älteste Weltcupsieger bin, aber das war nicht mein Ziel. Ich fühl mich gar nicht so alt. Ab und zu fühle ich mich wie ein zwanzigjähriger Bub, vor allem im Kopf, aber spätestens in der Früh beim Aufstehen merke ich, dass ich doch nicht zwanzig bin.

Man wird mich wahrscheinlich immer sehen in Kitzbühel, in der Gondel oder im Ziel, aber ob ich noch einmal Ski fahre, weiß ich nicht. Ich schaue, wie es mir am Saisonende geht, wenn ich mich nicht entscheiden kann, mache ich das Sommertraining mit, wenn ich es im Herbst noch nicht weiß, dann fahre ich die nächste Saison auch noch durch. Eigentlich habe ich die Abfahrt ja nur dreieinhalb Mal gewonnen, es war ja der Sprint dabei. Aber wenn ich hier nicht mehr fahren und gewinnen sollte, werde ich schon sagen, dass ich viermal gewonnen habe.

Ich bin noch nie gestürzt hier, ich glaube, ich habe noch nie ein Tor verfehlt. Das braucht viel, aber es braucht sicher auch Glück. Bei der Traverse hat es mich diesmal richtig hoch und weit gespickt. Ich habe gedrückt und gedacht, oh, jetzt nimmt's mich, jetzt ist es vorbei. Der Grat ist schmal, zwischen Erfolg und Sturz ist wenig Platz. Ich will gar nicht überlegen, wie es sein könnte, wenn man gestürzt ist und trotzdem wieder an den Start gehen muss.

Jetzt brauche ich ein bisschen Ruhe, dann bereite ich mich auf die Abfahrt in Chamonix vor. Ich freue mich auf die WM in Garmisch. Ich fühle mich gut, fahre gut Ski, ich hoffe dass ich den Schwung mitnehmen kann." (bez, DER STANDARD Printausgabe, 24.1.2011)

  • "Jetzt nimmt's mich, jetzt ist es vorbei", dachte Cuche.
    foto: epa/parigger

    "Jetzt nimmt's mich, jetzt ist es vorbei", dachte Cuche.

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