Das Handball-Gymnasiet am Rande der Stadt

23. Jänner 2011, 16:56
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Der Stellenwert, den Sport in Schweden genießt, zeigt sich schon an den Schulen. In Linköping braucht man künftig gar ein Zertifikat, um Handballer unterrichten zu dürfen.

Linköping - Im John Bauer Gymnasiet in Mjärdevi, einem Randbezirk von Linköping, sind "Fys profilen" angesagt. Zehn 17-Jährige unterziehen sich unter der Aufsicht zweier Sportlehrer einem Leistungstest. Klimmzüge, Hocksprünge aus dem Stand, 150-m-Läufe, darum geht es heute. Die neun Burschen und das eine Mädchen gehen ans Limit. Im Fitnesscenter, das der Schule zur Verfügung steht, feuern sie sich bei den Klimmzügen gegenseitig an.

Was von den jungen Handballern im Gymnasiet erwartet wird? Sie sollen sich kontinuierlich steigern. Und falls "Fys profilen" einen Leistungsabfall ergibt? "Dann müssten wir darüber reden, was die Gründe sein könnten", sagt Pierre Karlén. Er ist Handball-Instruktor der unabhängigen Schule, einer von knapp dreißig, die die nach dem Maler John Bauer benannte Organisation in Schweden betreibt. Darunter sind einige, die sich unter anderem auf Sport spezialisiert haben. Von ihnen verlangt der Staat ab heuer die Vorlage eines Zertifikats, das sie nur erlangen, wenn sie mit einem Sportverein in der näheren Umgebung zusammenarbeiten.

Die Schule in Linköping, die sich auch auf IT und kaufmännische Berufsausbildung konzentriert, baut demgemäß auf Handball, Fußball und das populäre Innebandy (Floorball). Darauf liegt sowieso das Augenmerk, hundert Kicker, 34 Handballer, 30 Floorballer sitzen bereits in den Klassen. Ab sofort sucht sich das Gymnasiet in diesen Sparten die größten Talente der Region aus. Karlén: "Aufnahmekriterium bisher war die Grundschulleistung. Jetzt können wir auch nach sportlichen Fähigkeiten gehen."

Schließlich werden jedes Jahr nicht mehr als beispielsweise zehn Handballer und zehn Handballerinnen aufgenommen. Sie können in der Schule, die über vier Handballfelder und übrigens auch ein Fußballfeld mit Rasenheizung verfügt, an zwei oder drei Vormittagen jeweils knapp drei Stunden lang trainieren. Inklusive Klubtraining ergibt das zwölf bis 15 Stunden Handball pro Woche. Unterrichtet wird auch sportliche Theorie, etwa Regenerationslehre, Ernährungslehre oder auch Sportmanagement.

Etliche John-Bauer-Schulen verpflichten ehemalige Stars, Stefan Lövgren unterrichtet in Uddevalla, er war 1999 Weltmeister. Auch Karlén spielte aktiv Handball. "Sport wird immer wichtiger, ist Teil der Unterhaltungsbranche", sagt er. "Viele schwedische Kinder haben Fußballer, Handballer oder Eishockeystars als Vorbild." Linköpings Gymnasiet nahm im Vorjahr an der Handball-Schul-WM in Portugal teil, belegte Rang neun (im Finale schlug übrigens die Slowakei den Iran).

Mantorps IF HF (3. Klasse) ist der nächste größere Handballklub in der Umgebung Linköpings. Als "Mister Mantorp" gilt Spielertrainer Robert Ström, er unterrichtet auch am Gymnasiet. Einen seiner Schüler, Pierre Karléns 17-jährigen Sohn Tim, hat er schon zu seinem Klub gelotst. Insgesamt gibt es um Linköping neun Klubs, die mit der Schule kooperieren wollen. Etliche Schüler nehmen in Kauf, dass sie täglich fünfzig Kilometer pendeln.

Die Schule firmiert zwar unter privat, für das Schulgeld kommt aber die öffentliche Hand auf. Generell ist in Schweden als Einheitsschule eine neunjährige Grundschule vorgesehen, daran schließt ein dreijähriges Gymnasium an. In ganz Schweden sind Schulen gebührenfrei. Lehrmittel, Mahlzeiten und Schultransporte kosten für Grundschüler nichts, in vielen Gemeinden gilt das auch für Gymnasiasten.

Nur zwei Fächer täglich

Die John-Bauer-Schule in Linköping hebt sich insofern ab, als sie laut Karlén "eine andere Art des Lernens" propagiert. An jedem Tag werden nur zwei Fächer unterrichtet, jeweils knapp drei Stunden lang, wobei alle 45 Minuten kurz pausiert wird und nach dem ersten Fach etwas länger. Also etwa drei Stunden Handball, dann drei Stunden Mathematik. Ob viel Sport nicht müde macht? "Im Gegenteil", sagt Karlén. "Wer aktiv ist, ist aufnahmefähiger auch für Theoretisches. Wer nur sitzt, wird schneller müde."

An vierzig schwedischen Schulen gilt Handball als Unterrichtsfach, ergibt landesweit circa 700 junge Handballer pro Jahrgang. Schule und Sport gehen Hand in Hand. Für das Test-Schema von "Fys profilen" zeichnet das olympische Komitee (SOK) verantwortlich, generell werden Sportler ab 16 dreimal im Jahr gecheckt. Am Ende schaut eine enorme Datenmenge heraus, und Klubs, die einen neuen Spieler verpflichten wollen, können darauf zurückgreifen und die Entwicklung des Spielers verfolgen.

Von großen Datenmengen kann man halten, was man will. Doch der Vollständigkeit halber: Die jüngste Pisa-Studie sah Schwedens Schüler in den Naturwissenschaften knapp vor und in Mathematik knapp hinter den österreichischen. Nur punkto Lesekompetenz sind die jungen Schweden demnach weit überlegen. Nicht gemessen indes wurden sportliche Fähigkeiten und die Freude an der Bewegung. "Diese Freude ist wirklich wichtig", sagt Pierre Karlén draußen im Gymnasiet am Rand von Linköping. (Fritz Neumann, DER STANDARD Printausgabe, 24. 1. 2011)

  • Robert Ström (rechts) ist Spielertrainer des Klubs Mantorps IF und 
Handball-Lehrer am Gymnasiet. Klimmzüge verlangt er von den Schülern 
selten. Aber "Fys profilen" verlangt Klimmzüge.
    foto: der standard/georg diener

    Robert Ström (rechts) ist Spielertrainer des Klubs Mantorps IF und Handball-Lehrer am Gymnasiet. Klimmzüge verlangt er von den Schülern selten. Aber "Fys profilen" verlangt Klimmzüge.

  • Pierre Karlén (rechts) ist der Handball- Instruktor der 
John-Bauer-Schule. Der 17-jährige Tim (links) ist sein Sohn und eines 
der großen Talente der Region. Tim trainiert bereits bei Mantorps IF.
    foto: der standard/georg diener

    Pierre Karlén (rechts) ist der Handball- Instruktor der John-Bauer-Schule. Der 17-jährige Tim (links) ist sein Sohn und eines der großen Talente der Region. Tim trainiert bereits bei Mantorps IF.

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