Familie von Mohammed Bouazizi: "Kein Selbstmord" - Bruder: "Er war kein Akademiker"
Hamburg/Wien - Mit der Selbstverbrennung Mohammed Bouazizis begann die
tunesische Revolution. Zuletzt belagerten Reporter aus aller Welt das Haus
seiner Familie in Sidi Bouzid und erfuhren Überraschendes, berichtete "Spiegel
Online" am Sonntag: Der 26-Jährige soll die Verzweiflungstat gar nicht aus
politischen Gründen begangen haben. Der Familie sei vor allem eines wichtig:
Dass es sich beim Tod Mohammed Buazizis auf keinen Fall um Selbstmord gehandelt
habe, vielmehr sei es ein "Unfall" gewesen.
Im Dorf Sidi Bouzid, mitten im landwirtschaftlich geprägten Herzen Tunesiens,
soll sich vor einem Monat das Drama abgespielt haben, das inzwischen zur
Geburtsstunde der Jasminrevolution verklärt wird: Ein Akademiker ohne Stelle,
der sich und seine Familie mit dem Verkauf von Obst über Wasser hält, zündet
sich aus Protest gegen die Jugendarbeitslosigkeit in Tunesien an. So die Version
der Ereignisse, auf die sich Nachrichtenagenturen schon Tage nach der
Selbstverbrennung geeinigt hatten.
Doch beim Ortstermin entpuppte sich so manches als haltlos, was über den Fall
im Umlauf ist, so "Spiegel Online". "Mein Bruder hatte zwar Matura, aber
studiert hat er nicht", sagte Salem Bouazizi. "Wir sind alle völlig
unpolitisch."
"Kein Selbstmord"
Mohammed hatte sich zwar mit Benzin übergossen, aber seine Schwester Leila
wartet mit einer überraschenden Erklärung auf, warum er dies tat: "Er konnte die
Schande nicht ertragen, von einer Frau geohrfeigt worden zu sein", sagte sie.
Umbringen wollen habe sich ihr Bruder jedoch keinesfalls. Mohammed sei zur
Tankstelle gegangen, habe den Sprit über sich ausgeschüttet und sei dann zeternd
und fluchend herumgesprungen. Dabei habe er offenbar aus Versehen mit seinem
Feuerzeug einen Funken geschlagen, der ihn in Brand steckte.
Ob das die Wahrheit ist oder sich die Familie mit dieser Geschichte die - im
Islam besonders schlimme - Schmach des Selbstmords ersparen will, bleibt unklar.
Sicher ist, dass der Feuerlöscher, mit dem umstehende Freunde und Verwandte die
Flammen löschen wollten, nicht funktionierte. Bouazizi erlitt schwerste
Brandverletzungen und lag bis zu seinem Tod am 4. Jänner im Koma. (APA)