Auf Tuchfühlung mit Nintendo 3DS und 3D ohne Brille

23. Jänner 2011, 14:44
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Einzigartiges 3D-Erlebnis und viele Spiele stehen einem hohen Preis und Low-Tech-Hardware entgegen

Die 3D-Revolution im Wohnzimmer hat 2010 einen verhaltenen Start zurückgelegt. 3D-Fernseher sind teuer, man muss klobige Spezialbrillen aufsetzen und vor allem gibt es noch kaum Inhalte, die von der Technologie Gebrauch machen. Diese drei Kritikpunkte hat sich Nintendo bei der Entwicklung seiner neuen Handheld-Spielkonsole "Nintendo 3DS" zu Herzen genommen und eine kleine, aber feine Alternative zu den großen Fenstern zur dritten Dimension aus dem Ärmel geschüttelt: Videospiele, Fotos, Videos für unterwegs in 3D und das ohne Brille. Am 25. März wird der rund 250 Euro teure "3DS" in Europa erhältlich sein, der WebStandard bekam das vermeintliche Wunderding bereits im Vorfeld in die Finger.

Evolutionär

Der Nintendo 3DS liegt gut in der Hand. Er ist mit 230 Gramm für zwei Hände angenehm leicht, die Tasten sind ergonomisch angeordnet und das Kunststoffgehäuse wirkt, als würde es vielen Belastungsproben durch Kinderhände standhalten können. Auf den ersten Blick erinnert alles an die Vorgängermodelle der DS-Familie. Zwei Bildschirme - ein 3D-Screen und ein Touchscreen - bilden das Herzstück, die Konsole ist zu älteren DS-Werken abwärtskompatibel und neue Spiele werden unkompliziert über SD-Speicherkarten eingefüttert.

Die Unterschiede liegen abgesehen vom 3D-Display (3,5 Zoll) im Detail: Zur Navigation virtueller Fußballer, Helden und Rennautos dient ein solides "Circle Pad", mit dem ähnlich feine Manöver wie bei einem Heimkonsolen-Controller durchgeführt werden können. Auf der Rückseite wurde eine 3D-Kamera für Fotos verbaut und der "Motor" wurde mit einem stärkeren Prozessor und mehr Arbeitsspeicher ausgestattet. Zusätzlich wurden die Netzwerkfähigkeiten über Wi-Fi ausgebaut.

Ein bisschen Retro und viel 3D

Obwohl es das erste Gerät für eine breite Zielgruppe ist, das einen autostereoskopischen Bildschirm verbaut, wirkt der neue Handheld aber nicht wie eine Schöpfung aus der Zukunft. Im Gegenteil: Das Design kann liebevoll mit "Retro" beschrieben werden und die Spielegrafik erinnert trotz Dreidimensionalität an Games der über sechs Jahre alten "PlayStation Portable".

Das passt allerdings zu Nintendos seit der Wii bewährtem Erfolgskonzept. Auf High-Tech-Komponenten wird verzichtet, um die Kosten niedrig zu halten. Nicht gespart wurde hingegen bei den dreidimensional aufbereiteten Inhalten. Gleich zum Start werden rund 10 Titel quer durch sämtliche Genres verfügbar sein. Das Portfolio wird bis Juni auf knapp 30 Werke aufgestockt und zusätzlich folgen Filme und Videoinhalte in 3D.

3D ohne Brille in Aktion

Wie 3D ohne Brille funktioniert, wurde bereits ausführlich erklärt. Kurz um: Der autostereoskopische Bildschirm strahlt in einem bestimmten Winkel zwei leicht versetzte Bilder an beide Augen des Betrachters. Das Gehirn fügt diese unterschiedlichen Bilder zu einer räumlichen Wahrnehmung zusammen. In Aktion bedeutet das, dass Spielen, Filmen und Fotos eine Tiefe verleiht wird, ohne eine Spezialbrille aufsetzen zu müssen. Gleichzeitig bedingt das System aber, dass der 3D-Screen durchwegs frontal und aus einer bestimmten Entfernung beäugt werden muss, weil man bei der geringsten Neigung aus dem Betrachtungswinkel fällt. Dann sieht man nichts als ein verschwommenes Bild.

Im ersten Probelauf zeigte sich auch, dass sich das Auge anfangs etwas an den 3D-Effekt gewöhnen muss, bevor es zur Sache geht. Dabei hilft ein Schieberegler, mit dem man die Darstellungstiefe bis 2D reduzieren kann. Der 3D-Screen produziert bei richtiger Anwendung einen durchaus sehenswerten Effekt. Es sieht fast so aus, als würde man durch ein kleines Fenster hinaussehen.

Spiele in 3D

Das Erlebnis unterscheidet sich nur unwesentlich von jenem, das man von 3D-Fernsehern oder der Kinoleinwand kennt. Bei Videospielen ist der 3D-Effekt noch eine Spur effektiver, da man sich aktiv im Raum bewegt. Bei einem Rennspiel wie "Mario Kart" oder "Ridge Racer" erkennt man so etwa Distanzen besser, beim Kampfspiel "Dead or Alive" heben sich die Figuren deutlich vom Hintergrund der Kulissen ab. Bei "Kid Icarus" fliegt man tatsächlich dem Horizont entgegen, im Haustiersimulator "Nintendogs + Cats" springen die kleinen Bestien quer durch den Raum und im Fußballspiel "Pro Evolution Soccer" fällt es leichter, die Flugbahn des Balles zu erkennen. Damit ist 3D durchaus mehr als ein Gimmick, wenn es richtig eingesetzt wird. Weniger gelungen wirkt die Kombination aus Bewegungssteuerung und 3D, wie sie etwa bei Segas "Monkey Ball 3D" Einsatz findet. Hier sind Sehprobleme vorprogrammiert.

Fotos und Filme

Neben Spielen will Nintendo, wie berichtet, auch Filme und Video-Inhalte für seine neue Spielkonsole anbieten. Zur Demonstration zeigte der Hersteller unter anderem über den Pay-TV-Anbieter Sky ein Tennismatch. Bei Tennis können besonders gut die Vorteile von 3D unterstrichen werden, da man hier im Gegensatz zum gewohnten 2D Bild sehr genau einsehen kann, wo selbst stark angeschnittene Bälle landen werden.

Eine der spannenderen Funktionen des 3DS ist die 3D-Kamera auf der Rückseite. Hiermit lassen sich zwar keine Videos, aber immerhin dreidimensionale Fotos schießen. Das funktioniert genauso wie bei jeder anderen Kamera, nur das die Bilder dann auf dem Screen in 3D angesehen werden können. Das macht besonders Spaß, wenn man die Tiefenwirkung ausnutzt und etwa einzelne Motive aus dem Hintergrund hervorstechen lässt. Dazu hat Nintendo auch einige verspielte Funktionen beigepackt. Etwa kann man auf Basis eines Fotos einen Mii-Charakter erstellen oder zwei fotografierte Gesichter miteinander verschmelzen lassen.

Geringe Auflösung, PSP-Grafik

Abseits des 3D-Effekts ist das Display des 3DS den ersten Testläufen nach zu urteilen nicht auf dem neuesten Stand der Dinge. Das 3D-Display stellt für jedes Auge effektiv 400 x 240 Bildpunkte dar - insgesamt 800 x 240 - und ist damit weit entfernt von aktuellen Smartphone-Bildschirmen, die heute 800 x 480 Pixel (wenn auch in 2D) und mehr darstellen. Die Auflösung der VGA-Kameras ist ebenfalls weit von HD entfernt. Die Folge daraus ist, dass Spiele und Fotos auf dem 3DS nicht so scharf und klar erscheinen, wie man es von seinem Handy gewohnt ist. Leider war es auf Nintendos Vorstellungsevent verboten, das 3DS-Display direkt von vorne zu fotografieren. Besonders frappant war allerdings der Unterschied zwischen einem iPhone 4-Screen (960 × 640 px), das im direkten Vergleich wie ein hochwertiger Druck aussieht.
Zum Vorgänger sind die Grafikfinessen der 3DS-Spiele deutlich fortgeschritten, im Vergleich mit modernen Smartphones und der "PlayStation Portable" schneidet die Konsole allerdings weniger überzeugend ab. Um Spiele in 3D darstellen zu können, muss ein Großteil der Rechenkraft für die Doppelbildberechnung aufgewendet werden. Die zum Start vorgestellten Werke erinnern daher rein optisch an Games der über sechs Jahre alten PSP. Das mag aus jetziger Sicht nicht so sehr ins Gewicht fallen, doch in ein zwei Jahren könnten 3DS-Titel dank der rasend schnellen Weiterentwicklung recht alt aussehen. iPhone-Spiele wie "Rage HD" scheinen grafisch jetzt schon eine Generation weiter zu sein.

Eine Frage der Software

Wie ein ungeschriebenes Gesetz der Spielewelt besagt, spielt die Grafik bei guten Inhalten allerdings nur eine Nebenrolle. Das Software-Line-up ist eine ausgewogene Genremischung und umfasst Werke sämtlicher namhafter Studios. Bis Juni werden folgende Games erscheinen:

•Asphalt 3D
•Bust-A-Move Universe
•Combat of Giants: Dinosaurs 3D
•Crush 3D
•Dead or Alive Dimensions
•Dual Pen Sports
•LEGO Star Wars III: The Clone Wars
•Madden NFL Football
•nintendogs + cats
•Pilotwings Resort
•Pro Evolution Soccer 2011 3D
•Rabbids Travel in Time
•Rayman 3D
•Resident Evil: The Mercenaries 3D
•Ridge Racer 3D
•Samurai Warriors Chronicles
•Shin Megami Tensei: Devil Survivor Overclocked
•Super Monkey Ball 3D
•Super Street Fighter IV 3D Edition
•The Sims 3
•Thor: God of Thunder
•Tom Clancy's Ghost Recon Shadow Wars
•Tom Clancy's Splinter Cell 3D

Und nicht zu vergessen: Alte DS(i)-Spiele und DSiWare-Titel können weitergenutzt werden.

Wie unlängst der Branchenblog Kotaku anmerkte, scheint Nintendo allerdings mit vielen Features zum "vermeintlich verfrühten" Start nicht fertig zu werden. So liefert man beispielsweise den Webbrowser, 3D-Film-Unterstützung und den Online-Shop "eShop" nach. Von den Spiele-Flaggschiffen "Zelda: Ocarina of Time", "StarFox und "Kid Icarus" ist im Launch-Portfolio nichts zu sehen. Ein weiterer Wermutstropfen ist die Installation eines Region-Locks, womit Import-Spiele aus Japan oder den USA auf europäischen Geräten nicht funktionieren.

Online-Games und Preis

Deutlich aufgeholt hat Nintendo bei den Online-Funktionen. Der 3DS wird unkompliziertes Spielen gegen Freunde über WiFi ermöglichen. Daneben soll es im Laufe der Zeit wie erwähnt einen eShop und eine Messaging-Funktion geben. Über "Spot Pass" gibt es automatische Aktualisierung, Benachrichtigungen, 3D-Videos (etwa von Eurosport, Sky 3D in UK und mehr in der Zukunft) über lokale und zentrale Partner-WLAN-Hot-Spots - etwa Telekom Deutschland. Mit "Street Pass" können 3DS-Konsolen automatisch untereinander kommunizieren, sobald zwei Systeme sich in Reichweite befinden. Mii-Charaktere tauschen Basisinformationen wie Lokalität und zuletzt gespielte Games aus. Die bei PC, Xbox 360 und PlayStation 3 beliebten virtuellen Errungenschaften wird es nicht geben, dafür will Nintendo mit "Play Coins" (eine Art Gutschein für Zusatzinhalte) Spieler belohnen, die ihre Konsole mit aus dem Haus nehmen.

Preislich lehnt sich Nintendo für seine Verhältnisse recht weit aus dem Fenster. Der 3DS wird für rund 250 Euro im Handel erscheinen und ist damit 80 Euro teurer, als es der DSi zum Start war. Die Spiele werden sich voraussichtlich bei rund 40 Euro einpendeln.

Ersteinschätzung: Ein schwieriger Fall

Der Nintendo 3DS ist ein raffiniertes Stück Technik. Die Möglichkeit einfach mal schnell und unkompliziert in eine 3D-Welt abtauchen zu können, ist nicht nur für Technikaffine verlockend. Ob sich das 3D-Erlebnis im Kleinformat auf Dauer bewährt, werden aber erst ausführlichere Tests zeigen können. Das versprochene Spieleaufgebot ist ausgewogen und bedient eine breite Zielgruppe.

Dennoch ist schwer abzusehen, ob der 3DS die großen Fußstapfen seines Vorgängers füllen wird können. Der veranschlagte Preis von 250 Euro ist für die Hauptzielgruppe (Kinder und Jugendliche) recht hoch und erwachsene Gelegenheitsspieler, die den DS einst für Sudoku und Co. kauften, dürften mit modernen Smartphones mittlerweile besser bedient sein. Hardcore-Zocker werden dieses Jahr auch noch mit der "PlayStation Portable 2" umgarnt - vorerst einmal abwarten ist also nicht die schlechteste Idee.

(Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 23.1.2011)

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  • Der Nintendo 3DS wird am 25. Februar für rund 250 Euro erscheinen
    foto: derstandard.at/zsolt wilhelm

    Der Nintendo 3DS wird am 25. Februar für rund 250 Euro erscheinen

  • Spiele und Filme in 3D ohne Spezialbrille
    foto: derstandard.at/zsolt wilhelm

    Spiele und Filme in 3D ohne Spezialbrille

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    Das Spieleportfolio ist ausgewogen, zum Start fehlen allerdings einige ganz große Kracher wie "Zelda" oder "Kid Icarus"

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    Die Kamera macht Fotos in 3D

  • Die Bedienung erfolgt analog per "Cricle Pad" und Touchscreen
    foto: derstandard.at/zsolt wilhelm

    Die Bedienung erfolgt analog per "Cricle Pad" und Touchscreen

  • Rein grafisch sind moderne Smartphones dem 3DS überlegen
    foto: derstandard.at/zsolt wilhelm

    Rein grafisch sind moderne Smartphones dem 3DS überlegen

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