Gut gepfiffen ist halb verloren

22. Jänner 2011, 13:07
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13.000 potenzielle Premierministerbeleidiger überprüfen, das ist auch für die arbeitsame türkische Justiz eine Menge Holz. Die Staatsanwaltschaft im Istanbuler Stadtteil Şişli kennt aber kein Pardon. Jetzt werden Videos geguckt und Gästelisten studiert, um herauszufinden, wer alles bei der Eröffnung der „Türk Telekom Arena" von Galatasarayam vergangenen Wochenende gepfiffen hat. Gegen Regierungschef Tayyip Erdogan.

Der hat sich den Unmut der Stadiongäste an seiner Person gar nicht erst angetan und ist gleich wieder aus dem neuen Fußball-Tempel der Türkei abgerauscht. Danach aber hat Tayyip Erdogan seinem Zorn freien Lauf gelassen, sekundiert von Europa-Staatssekretär Egemen Bagiş (auch kein Beispiel des Langmuts gegenüber Protesten; Eier werfende Studenten hat er jüngst gleich angezeigt, auf dass sie eine gerechte Haftstrafe bekommen): alles Verschwörung, Komplott, Sabotage - live im Fernsehen und zur Primetime.

Nun hat der gewöhnliche Fernseh-Bürger nicht wirklich mitbekommen, was sich in jenem Moment auf den Tribünen abgespielt hat. Finster war es auf dem Bildschirm, als die Stadionsprecherin vor dem Freundschaftsspiel gegen Ajax Amsterdam die Ankunft des Premierministers verkündete und sich dann ein mächtiger Sturm erhob. Aber Galatasaray-Präsident Adnan Polat, seines Zeichens auch Präsident der türkischen Keramik-Industrie, eilte der Justiz sogleich zur Hilfe. Die Verantwortlichen würden mit Hilfe der Kameras ermittelt, kündigte er an, jeder Erdoganpfeifer bekommt dazu Stadionverbot. Mehr hat es allerdings nicht gebraucht. Nach einer weiteren vermurksten Saison will das Galatasaray-Volk den Sturz des Präsidenten - neues Stadion hin oder her. Oder eigentlich aus deswegen.

Die Sozialfibel für Istanbuls drei große Fußballklubs lehrt, dass Beşiktaş der linke Arbeiterverein ist, Fenerbahçe der Bourgeoisie gehört und Galatasaray mehr etwas für die Gläubigen ist. Doch das ist in Wahrheit kompletter Schwachsinn, sagen Kenner. Mittlerweile findet jeder etwas in den Klubs, und Erdogan ist im Übrigen Fener-Fan, was sich bei seiner Ankunft im neuen Stadion von Galatasaray zusätzlich ungünstig ausgewirkt haben dürfte.

Der Abschied vom alten Ali-Sami-Yen-Stadion war ein Drama für die Galatasaray-Gemeinde, die neue „Arena", komplett mit Schiebedach, ist zu groß, zu schick, viel zu geschichtslos. Doppelt so viele Zuschauer passen in das neue Stadion, 52.650, um genau zu sein, und das führt uns zurück zu den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. 13.000 Karten waren für die Stadioneröffnung am 15. Jänner von Sponsoren vergeben worden. Hier werden die Übeltäter vermutet. Noch eine halbe Stunde vor dem Pfeifkonzert gegen Erdogan habe ein Journalist schon die Nachricht in die Welt getwittert, erklärte Europa-Staatssekretär Bagiş später und meinte damit Cüneyt Özdemir (cuneytozdemir), einen der talking heads bei CNN Türk. Alles also von langer Hand geplant - angeblich.

Was nicht ganz zur Verschwörungstheorie passt, ist das Pfeifkonzert, das auch Erdogan Bayraktar über sich ergehen lassen musste. Er ist der Chef des staatlichen Baukonzerns TOKI, welcher einen Großteil der Summe für die rund 130 Millionen Euro Baukosten der „Türk Telekom Arena" zuschoss - also öffentliche Mittel -, nachdem den Galatasaray-Managern das Geld ausgegangen war. Bayraktar, der günstigerweise selbst im Vorstand von Galatasaray sitzt, sagte das auch so in seiner Ansprache, und dass dem Verein das neue Stadion eigentlich auch noch gar nicht gehört.

Dem türkischen Fußballbürger erschließt sich, dass in der Galatasaray-Führung also ein ordentliches Durcheinander herrschen muss. Polat lehnte am Freitag nach langer Krisensitzung einen Rücktritt ab, forderte dafür seine Gegner im Vorstand zu diesem Schritt auf. Morgen geht es auswärts gegen Sivasspor, weil Fußball spielen muss der Verein ja auch noch. Sivasspor ist noch schlechter als Galatasaray (derzeit Tabellenmitte in der Süperlig). Freitagabend kam Verstärkung eingeflogen: Der rumänische Stürmer Bogdan Stancu und der kolumbianische Torwart Robinson Zapata sollen noch retten, was für Galatasaray in dieser Saison zu retten ist. Den Rest erledigt die Staatsanwaltschaft.

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