Migrationsastrologie

21. Jänner 2011, 20:43
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Oder: Unter fremden Sternen. – Kleine Einführung zum aktuellen Stand der Herkunfts- und Hintergrunddeutung im Umgang mit Fremdgebürtigen – und zur zukunftsweisenden Relevanz dieser Erkenntnisse als Prognoseinstrument

Jeder Mensch wird zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort geboren. Weder_ das eine noch das andere ist von ihm beeinflussbar. Es gibt Menschen, die daran glauben, dass der Geburtszeitpunkt den Verlauf des zukünftigen Lebens deutlich beeinflusst. Sie bestimmen die Sternenkonstellation, die zu dieser Zeit gerade herrschte, und leiten daraus weitreichende Aussagen über den Charakter und die Zukunft des Einzelnen ab. Von diesen Menschen heißt es, sie glaubten an die Astrologie.

Seit einiger Zeit wächst auch die Zahl der Menschen, die glauben, dass aus dem Geburtsort entscheidende Informationen über den Charakter und das Leben des Einzelnen abzuleiten seien. Diese Menschen reden nicht über Sternzeichen, sondern über den „Migrationshintergrund“ – die Tatsache, dass eine Person selbst oder ein Elternteil nicht am Wohnort geboren wurde. Ebenso wie in der Astrologie eine bestimmte Sternkonstellation entschlossenes oder zögerliches Verhalten erklärt, wird der Migra_tionshintergrund – je nach der geografischen Verortung des Hintergrundinhabers und der politischen Positionierung des Sprechers – entweder als Indiz für interkulturelle Kompetenz oder als Ursache für soziales Fehlverhalten betrachtet.

Im Vergleich zur klassischen Astrologie steht diese „Migrationsastrologie“ jedoch erst am Anfang. Während die Astrologie ein komplexes System von Sternzeichen, Häusern und Aszendenten entwickelt hat, gibt es bis heute keine derart differenzierte Systematisierung von punktgenau bestimmten Migrationshintergründen und ihren Auswirkungen auf den Charakter ihrer Träger. Meistens werden höchstens Herkunftsländer als Differenzierungskriterium verwendet, kaum noch nach Regionen, Orten oder den genauen Koordinaten des Geburtsortes unterschieden.

Dies gilt umso mehr, je weiter der Geburtsort von Österreich entfernt ist: Während etwa allgemein vermutet wird, dass die Träger eines türkischen Migrationshintergrunds zu Integrationsunwilligkeit und Islamismus neigen, ohne dass die Intensität dieser Neigung etwa mithilfe der Geburtskoordinaten exakt bestimmt würde, nimmt die Diskussion innerhalb Österreichs erfreulicherweise inzwischen zumindest die Unterschiede der Bundesländer zur Kenntnis: Ein Kärntner Migrationshintergrund steht für einen großzügigen Umgang mit Geld und einen weniger generösen mit den Slowenen, ein oberösterreichischer für eine erotische Vorliebe für Keller und Verliese und ein Vorarlberger für eine ausgeprägte Neigung zum hölzernen Eigenheim in Kastenform. Andere Migrationshintergründe – deutsche, amerikanische oder tirolerische – und ihre spezifischen Auswirkungen auf die Lebensgestaltung der Betroffenen werden deutlich seltener diskutiert.

Auch ist das Wissen über die Bedeutung des Migrationshintergrunds als Prognoseinstrument noch lange nicht so tief in der Bevölkerung verankert wie jenes über den Einfluss der Sterne. Allerdings wächst glücklicherweise inzwischen die politische Unterstützung für die Erkenntnis, dass der Geburtsort als zumindest ebenso wichtig für die Einschätzung der Eigenschaften eines Menschen anzusehen ist wie das Geburtsdatum. Bester Beweis dafür sind die großen Wahlzugewinne all jener Parteien, die dieses Verständnis propagieren.

Spät, aber doch hat nun auch die Wissenschaft die Bedeutung dieses Begriffs entdeckt und entwickelt fleißig Indikatoren zur genauen Messung der hintergründigen Eigenheiten der Fremdgebürtigen. Statt detailverliebt und kostenintensiv sozialstatistische Daten für die gesamte Bevölkerung zu sammeln und zu interpretieren, reicht künftig ein Blick auf die Geburtsortverteilung der hierzulande Lebenden und ihrer Eltern – eventuell auch der Groß- und Urgroßeltern – für eine punktgenaue gesellschaftswissenschaftliche Analyse und eine individuelle Integrationsprognose.

Nun zeigt sich auch die Genialität der geplanten Einsparungen bei den außeruniversitären sozialwissenschaftlichen Instituten: Diese werden in Zukunft sowieso keine Arbeit mehr haben, eine große Migrationsdatenbank mit exakten Herkunftskoordinaten und vollintegrierten Hintergrund-Algorithmen wird für die Analyse der Gesellschaftsentwicklung völlig ausreichend sein. Nachdem durch die vielen Einbürgerungen der Reisepass heute ja nichts mehr über die Abstammung aussagt und niemand mehr wirklich weiß, wer woher kommt, wird dann endlich wieder auf einen Blick zu erkennen sein, wer schon immer da war und wer noch lange nicht dazugehört, ganz egal, wo der Geburtsort liegt.  (Bernhard Perchinig, DER STANDARD, Printausgabe, 22.01.2011)

Bernhard Perchinig ist Politikwissenschafter und arbeitet als Migrationsforscher an der Uni Wien. Er verfügt über einen Kärntner Migrationshintergrund.

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