Der weltweite Frauenhandel ist keine neue Erscheinung - Von Martin Pollack
Der Frauenhandel hat sich mit der massenhaften Auswanderung im 19. Jahrhundert entwickelt. Und er war immer grenzüberschreitend.
Die Botschaft des knallroten
Plakats auf dem einfachen Dreiecksständer ist eindeutig. Girl's Night Ranch.
Aktion ab 45 €, heißt es da, dazu die Zeichnung eines nackten Mädchens,
damit wirklich jeder kapiert, was angepriesen wird - obendrein in Aktion! Etwas
weiter eine Plakatwand, zwei mal fünf Meter, sie wirbt für ein anderes
Etablissement: Night Club Flying Lady, 30 min. 55 €.
Willkommen im Südburgenland.
Hier bin ich zu Hause. Diese Plakate sehe ich Tag für Tag an der Straße, im
Ortsgebiet. Werbung für Bordelle, als handle es sich bei den dort tätigen Frauen
um Liegen in einem Bräunungsstudio, für die man stundenweise bezahlt. Solche
Plakate und die dazugehörigen Lokale gibt es im Südburgenland überall.
Im Prinzip ist gegen
Bordelle nichts einzuwenden. Mit öffentlicher Werbung, die Frauen wie Ware
anpreist, ist das etwas anderes. Die ist sexistisch und frauenverachtend. Das
scheint keinen zu stören. Dazu kommt, dass erfahrungsgemäß nicht alle Mädchen in
solchen Einrichtungen den Männern ihre Dienste freiwillig anbieten. Die Mädchen
stammen oft aus den ärmsten Ländern der Dritten Welt und der ehemaligen
Sowjetunion, aus der Ukraine, Belarus, Moldawien. Viele werden in die
Prostitution gezwungen, werden an Zuhälter wie Ware verkauft. Sie werden ins
Ausland gelockt mit Versprechen einer gut bezahlten Arbeitsstelle als
Kindermädchen, Kellnerin, was immer - einmal weg von zu Hause, von der Familie
werden sie brutal gefügig gemacht, verprügelt, vergewaltigt, ihrer Dokumente
beraubt. Zwangsprostituierte ohne Sprachkenntnisse und Papiere sind ihren
Peinigern schutzlos ausgeliefert. Von den Behörden haben sie kaum Hilfe zu
erwarten. Auch nicht in Österreich. Nach Berichten der Uno ist Trafficking in
Women, Frauenhandel, einer der lukrativsten Zweige der organisierten
Kriminalität, vergleichbar - und oft eng verbunden - mit dem Drogenhandel.
Der weltweit vernetzte
Frauenhandel ist keine neue Erscheinung, er hat sich im Verein mit der
massenhaften Auswanderung im 19. Jahrhundert entwickelt. Die wichtigsten
Herkunftsgebiete für die "lebende Ware", wie man die Opfer treffend nannte,
waren damals, jedenfalls was Europa angeht, ungefähr dieselben wie heute:
Galizien (heute Westukraine), das westliche Russland (Ukraine und Belarus),
Russisch-Polen, Bessarabien (heute Moldawien). Armut und Ausbeutung bedingen
einander, auch sexuelle Ausbeutung setzt Elend voraus. Daran herrschte in diesen
Gebieten kein Mangel, Galizien war das Armenhaus der Monarchie. Der Galizier
arbeitet wenig, weil er zu wenig isst, er ernährt sich elend, weil er zu wenig
arbeitet, und er stirbt zu früh, weil er sich elend ernährt, beschrieb ein
zeitgenössischer Autor die schlimmen Zustände. Das galt für ukrainische und
polnische Kleinbauern und Tagelöhnen ebenso wie für die Masse der Juden. Das
Elend war ein idealer Nährboden für den Frauenhandel.
Beim "Handel mit lebender
Ware" spielten, wie bei der Auswanderung, Agenten eine wichtige Rolle. In vielen
Fällen waren sie jüdischer Herkunft, so wie zahlreiche ihrer Opfer. Das lieferte
der antisemitischen Hetze willkommene Nahrung. Allerdings gibt es dafür eine
einfache Erklärung. Die Juden waren in Galizien und anderen Gebieten Osteuropas
traditionell als Vermittler tätig, als Pächter, Zwischenhändler und Händler, oft
über Grenzen hinweg. Auch der Mädchenhandel funktionierte schon damals
grenzüberschreitend. Wichtige "Absatzgebiete" waren die Türkei, Ägypten und
Länder Westeuropas, vor allem aber Südamerika. Rekrutiert wurden die Frauen aus
den ärmsten Schichten der jüdischen Schtetl und Elendsbezirke der größeren
Städte. Angeworben wurden die Mädchen, wie heute, mit der Aussicht auf gut
bezahlte Anstellungen in reichen Häusern im Ausland, als Bonne oder
Gesellschafterin, und wenn das nicht wirkte, bot ein skrupelloser Händler schon
auch einmal die Ehe an.
Auch heute träumen
hunderttausende Mädchen und Frauen aus der Ukraine, Moldawien und Belarus davon,
mit Hilfe von Heiratsagenturen einen Traummann im Westen zu finden, um so der
Misere zu Hause zu entkommen. Viele dieser Büros werden laut Berichten
internationaler Experten von straff organisierten kriminellen Netzwerken
kontrolliert.
Im Schtetl in Osteuropa gab
es die Institution der sogenannten stillen Chuppa, jiddisch für stille Hochzeit,
derer sich Mädchenhändler gern bedienten. Um ein Mädchen in seine Gewalt zu
bekommen, hielt der Händler, bevorzugt als reicher Geschäftsmann aus Argentinien
oder Brasilien auftretend, bei den Eltern um seine Hand an. So ein vornehmer
Bräutigam im Zylinder machte bei armen Leuten naturgemäß Eindruck, sodass sie
nicht zögerten, ihm die Tochter anzuvertrauen. Oft begnügte man sich mit einer
stillen Chuppa, für die es keinen Rabbiner brauchte, von den Behörden ganz zu
schweigen. Dafür reichten zwei Zeugen, das konnten auch Nachbarn sein.
In galizischen Zeitungen
finden sich Berichte von umtriebigen Händlern, die dreißig und mehr Mädchen pro
Jahr unter die Chuppa, den Hochzeitsbaldachin, führten - um sie gleich darauf
als Prostituierte zu verkaufen. Es gab in diesem anrüchigen Gewerbe allerdings
auch viele Frauen, denen naive Mädchen, besonders leicht auf den Leim gingen,
weil sie einer Frau eher vertrauten. Nach vorsichtigen Schätzungen wurden um
1900 allein aus Galizien jährlich rund 10.000 Mädchen, viele minderjährig, als
Prostituierte ins Ausland gebracht. Die größte Nachfrage bestand in
Lateinamerika, wo man die Mädchen aus Osteuropa Polacas nannte, da viele aus
polnischsprachigen Ländern stammten.
Der Handel mit "delikatem
Fleisch", wie man die zwielichtigen Geschäfte nannte, nahm solche Ausmaße an,
dass es den Händlern geboten erschien, im Jahre 1890 eine eigene Organisation
ins Leben zu rufen, die den Mädchenhandel aus den osteuropäischen Elendsvierteln
kontrollierte. Sie nannte sich Warszawskie Towaszystwo Wzajemnej Pomocy,
Warschauer Gesellschaft zur gegenseitigen Hilfe, nach dem Vorbild jüdischer
Bruderladen, Hilfsorganisationen von Handwerkern und Arbeitern. Allein in
Argentinien besaß die Organisation um 1900 angeblich über 400 eingetragene
Mitglieder, die über 3000 Bordelle betrieben. Später änderte der Hilfsverein
jüdischer Bordellbesitzer und Mädchenhändler seinen Namen zu Zwi Migdal,
nach dem Namen eines Gründungsmitglieds. Um ihre Gebarungen gegenüber den
ohnehin nicht sonderlich wachsamen Behörden zu tarnen, bedienten sich die
Händler untereinander eines eigenen Codes. Gut gewachsene Mädchen wurden
"Silberlöffel", eine auffallende Schönheit wurde als "Brillantkreuz"
angepriesen, während man unansehnliche Frauenspersonen als "Kartoffelsäcke"
handelte. Es kam vor, dass Mädchen von der eigenen Familie angeboten wurden.
"Dass die eigenen Eltern ihre Töchter in die Sklaverei und Hurerei verkaufen,
ist erschreckend und ein Zeugnis für das entsetzliche Elend der Menschen in
Galizien", schrieb die Tageszeitung Kurjer Lwowski (Lemberger Kurier) vom
4. August 1891.
Die Tatsache, dass der
Mädchenhandel in Galizien und anderen osteuropäischen Regionen vorwiegend von
Juden betrieben wurde, rief auch jüdische Intellektuelle auf den Plan. Als eine
der ersten trat die jüdische Publizistin und Frauenaktivistin Bertha Pappenheim,
geboren 1859 in einer frommen jüdischen Familie in Wien und in die Literatur
eingegangen als Anna O., deren Fallgeschichte Sigmund Freud zusammen mit Josef
Breuer publizierte, gegen den jüdischen Mädchenhandel auf. Sie bereiste
wiederholt Osteuropa, um sich mit eigenen Augen von den dortigen Zuständen zu
überzeugen. Was sie vorfand, übertraf ihre schlimmsten Befürchtungen. "Wie
bekannt, sind die Händler und Agenten vielfach Frauen, kapitalkräftige
Kaufleute, die oft unter dem Deckmantel größter Ehrbarkeit ihr Geschäft
betreiben. Fast ebenso unfasslich wie das Gewerbe selber ist, dass in Rumänien
sowie in Galizien die Mädchenhändler als solche in den jüdischen Gemeinden
gekannt und dennoch geduldet sind."
Bertha Pappenheim bemühte
sich, im Rahmen verschiedener Organisationen den Mädchenhandel zu bekämpfen.
Besondere Bedeutung maß sie der Beratung von Emigrantinnen bei, einer besonders
leichten Beute von Mädchenhändlern. Sie ließ in europäischen Häfen Broschüren
verteilen und Plakate anschlagen, um die unwissenden Mädchen zu warnen. Viel
geholfen hat es nicht. Bertha Pappenheims Aktivitäten konnten nicht verhindern,
dass der Mädchenhandel ständig zunahm. Das hatte auch damit zu tun, dass die
staatlichen Behörden in Europa und Lateinamerika den Kampf gegen das schändliche
Übel nur halbherzig betrieben und lieber wegschauten.
Daran hat sich bis heute
wenig geändert. Über hundert Jahre später werden Mädchen und Frauen wie damals
von weltweit agierenden kriminellen Organisationen sexuell versklavt und wie
Ware gehandelt. Und wir alle schauen weg. (DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.1.2011)