Bruno Kreisky, 100: Als die Welt noch nicht egal war

Erhard Stackl, 22. Jänner 2011, 12:58
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    foto: archiv

    Ein polizeilich gesuchter, kämpferischer Bruno Kreisky: Erstes Emigrationsziel Bolivien.

Er war mit den Unterdrückten solidarisch und dennoch musste ihm ein Verbot von Panzerverkäufen an die Unterdrücker erst abgerungen werden. Ein Südblick auf die Lateinamerikapolitik des vor hundert Jahren geborenen österreichischen Weltpolitikers.

 

Als ich im April 1982 Américo Ghioldi in dessen bis unter die Decke mit Büchern vollgestellter Wohnung in Buenos Aires gegenübersaß, begann der steinalte Kopf der unter der damaligen Diktatur verbotenen demokratischen Sozialisten Argentiniens plötzlich über den österreichischen Bundeskanzler zu schwärmen. Bruno Kreisky habe gewaltige Vorarbeiten geleistet, um bei einem globalen Nord-Süd-Gipfel im mexikanischen Cancún einen Prozess in Gang zu setzen, mit dem den reichen Staaten des Nordens die Zustimmung zu einer für die Staaten Lateinamerikas, für die Länder des Südens überhaupt, gerechtere Weltwirtschaftsordnung abgetrotzt werden sollte.

Tatsächlich hatte Kreisky den Cancún-Gipfel gemeinsam mit dem mexikanischen Präsidenten José Lopez Portillo vorbereitet. Er basierte auf seiner eigenen, Jahre davor formulierten Idee eines "Marshallplans für die Dritte Welt" und auf der Arbeit der vom SPD-Chef Willy Brandt geleiteten Nord-Süd-Kommission, die beispielsweise eine stärkere Beteiligung der Dritten Welt an Weltbank und Währungsfonds gefordert hatte. Die Konferenz fand, unter Teilnahme von Großmacht-Politikern wie Reagan, Thatcher und Mitterrand im Oktober 1981 tatsächlich statt, blieb aber ohne nachhaltiges Ergebnis. Kreisky, damals 70 Jahre alt und bereits schwer krank, konnte nicht nach Mexiko fahren und auch Brandt lehnte ohne die Unterstützung seines wortgewaltigen Freundes eine Teilnahme ab.

Die Episode war nicht ganz untypisch für Bruno Kreiskys Verhältnis zu Lateinamerika: Phasen, in denen er mutig seine Solidarität mit den damals vom übermächtigen Norden, von den USA abhängigen, oft unter diktatorischen Herrschern leidenden Völkern bekundete, wechselten mit durchaus kritikwürdigen Vorgängen ab.

So erinnern sich hunderte politische Flüchtlinge aus Chile und Argentinien dankbar daran, dass sie auf Initiative Kreiskys in Österreich Asyl fanden, als in den 1970er-Jahren in ihren Ländern die Militärs putschten und alle Gegner grausam verfolgten. Sie haben auch nicht vergessen, dass Kreisky sogar den österreichischen Botschafter in Santiago de Chile abberief, weil ihnen dieser in Gebäuden, die zur diplomatischen Vertretung gehörten, keine sichere Zuflucht bot.

Ich habe in den 1980er-Jahren in Santiago selbst gesehen, wie junge Chilenen auf ihren von Prügelpolizisten und Wasserwerfern attackierten Demonstrationsmärschen Bilder des Volksfrontpräsidenten Salvador Allende und Wimpel der IUSY vor sich hertrugen, der Jugendorganisation der damals von Brandt, Kreisky und Olof Palme geführten Sozialdemokratischen Internationale (SI).

Peter Kreisky, der kürzlich verstorbene Sohn des Altkanzlers, hat in einem wenige Wochen vor seinem Tod dem Jungsozialistenmagazin "Trotzdem" gewährten Interview daran erinnert, dass die Chile-Solidarität für seinen Vater keine Selbstverständlichkeit war. "Er hat zuerst wegen der Zusammenarbeit der Sozialisten mit der sehr Moskau-orientierten chilenischen KP leider mit dem Satz 'Wer sich mit Hunden ins Bett legt, darf sich nicht wundern, wenn er mit Flöhen aufwacht' reagiert," berichtete Peter Kreisky, der ihm dies mit anderen "sehr vorgeworfen" hat. Der Alte, so sah es Peter, habe das dann "aber durch große Solidarität mit den Sandinisten in Nicaragua und eine sehr aktiven Flüchtlingspolitik für Chile und Südamerika in gewisser Weise wieder gutgemacht".

Ähnlich zwiespältig war die Erfahrung, die der Poet und Untergrundkämpfer Juan Gelman aus Argentinien machte, nachdem 1976 dort die Militärs ihre blutige Junta errichteten. "Ich bat die europäischen Sozialdemokraten um Hilfe und erreichte schließlich, dass Olof Palme, François Mitterrand und Willi Brandt gegen die Menschenrechtsverletzungen protestierten. Nur Bruno Kreisky wollte nicht unterschreiben", berichtete Gelman der Lateinamerikajournalistin Gaby Weber. Als Grund habe Kreisky die mit Buenos Aires bestehenden diplomatischen Beziehungen angegeben.

Zitat Gelman aus dem Weber-Artikel: "Darauf riet ich ihm, nicht als Bundeskanzler, sondern als österreichischer Sozialdemokrat zu unterzeichnen. Er lachte: Das könne man doch nicht trennen. Wir stritten uns noch eine Weile, und irgendwann fuhr es aus mir heraus. 'Kreisky', schrie ich ihn an, 'erinnern Sie sich an Léon Blum' (den ersten sozialistischen Ministerpräsidenten Frankreichs, der 1938 abdanken musste und vom Vichy-Regime vor Gericht gestellt wurde). Er antwortete nicht. Ich griff nach meinem Regenmantel und ging wortlos. Während ich auf den Aufzug wartete, hörte ich meinen Namen. Da stand Kreisky, mit einem Füllfederhalter in der Hand. Er unterschrieb. Wortlos. Diese öffentlichen Proteste der Sozialdemokraten waren auf internationalem Parkett der erste harte Schlag gegen die Generäle. Im Gegensatz zu Pinochet brach die argentinische Diktatur nie die Beziehungen zur Sowjetunion oder zu Kuba ab."

Ein paar Jahre später sah es schon wieder anders aus: Weil er die Beschäftigung der Arbeitskräfte in der österreichischen Schwerindustrie sichern wollte, hatte Kreisky dem Ausbau der Rüstungsproduktion zugestimmt und äußerte zunächst auch keine Einwände, als 1980 mehr als hundert Steyr-Panzer an Pinochets Chile geliefert werden sollten. Erst massive Proteste der österreichischen Chile-Solidarität, in der viele SPÖ-Mitglieder aktiv waren, wie auch der Widerstand des damaligen Innenministers Erwin Lanc, führten zum Stopp des Deals. Eine weitere geplante Panzerlieferung nach Argentinien platzte, als dort die Militärs 1982 gegen die Briten um die Falkland-Inseln im Südatlantik Krieg führten.

Leichter als mit südamerikanischen Volksfront-Linken, mit denen er wegen seiner antikommunistischen Grundhaltung Probleme hatte, tat sich Kreisky mit befreiungsbewegten Politikern aus Zentralamerika und der Karibik, die sich zu parlamentarisch-demokratischen Prinzipien bekannten. So erinnerte sich Alfred Gusenbauer in einem "Falter"-Interview an ausführliche Gespräche mit Kreisky und Michael Manley, den sozialistischen Langzeit-Premier von Jamaika. Und auch Sergio Ramirez, Schriftsteller und nach dem Sieg der sandinistischen Revolution 1979 Vizepräsident Nicaraguas, war in Wien als Gast gern gesehen. Olof Palme schrieb laut einem Bericht des deutschen evangelischen Entwicklungsdienstes nach einem Besuch in Nicaragua 1983 den Sandinisten kritisch-solidarisch: "Passt auf, ihr seid dabei, euch vom Volk zu entfernen." Und Kreisky habe Ramírez im gleichen Jahr gesagt: "So lange ihr eure moralischen Prinzipien einhaltet, könnt ihr sicher sein, dass ich auf eurer Seite bin." 1985 wurde Ramírez mit dem vom Altkanzler gestifteten "Bruno Kreisky Preis für Menschenrechte" ausgezeichnet; 1995 trennte er sich von den dogmatisch gewordenen Sandinisten um Daniel Ortega.

Bruno Kreisky erlebte Ramírez' Prinzipientreue nicht mehr. "Der Alte" hatte den Vizevorsitz in der SI 1989 abgeben und war am 29. Juli 1990 gestorben.
Heuer, mehr als 20 Jahre später und angesichts einer neuen Politikergeneration, der die Welt außerhalb Europas wurst zu sein scheint, wollen die in der IUSY organisierten Jungsozialisten in Veranstaltungen Bruno Kreiskys gedenken und "seine Ideen weiter denken", wie es auf ihrer Website heißt, die mit den Polizeifotos des jungen und kämpferischen Sozialisten Kreisky illustriert ist.

(Als Kreisky 1938 von der Gestapo für mehrere Monate verhaftet, verhört und – als Bedingung für seine Freilassung – zum Verlassen des Landes aufgefordert wurde, stellte er sein Auswanderungsansuchen zunächst übrigens für Bolivien. Kurz darauf lud ihn der schwedische Jungsozialist und spätere Außenminister Torsten Nilsson ein, nach Schweden zu kommen.)

Wenn Bruno Kreisky seinen Bewunderern später immer wieder auch Anlass für Ärger gab, der "Alte" stand,  immer "für Internationalismus und globale Zusammenarbeit", meinen seine politischen Enkel und Ur-Enkel heute: "Bruno Kreisky hat zeitlebens international gedacht und gehandelt; er hat früh erkannt, dass große Herausforderungen nur jenseits nationaler Grenzen zu bewältigen sind."

Kommentar posten
24 Postings
Chico de Chicago
01
23.1.2011, 17:19
Mugshot.

Hahahaha. I like it.

Außerirdischer
01
23.1.2011, 13:58
Mir tun die aufrechten Politiker in allen Parteien leid, denen immer diese ''medientauglichen Typen'' vorgesetzt werden!

Nicht dass früher alles besser war, keineswegs, aber er es ist doch auffallend: als das Fernsehen noch nicht so beherrschend war, gab es mehr Politiker mit Ecken und Kanten - auch in den ersten Reihen!

Sage ich, als jemand, der keinen Fernseher hat und seitdem Politiker anders einschätzt! (Stark aufgefallen ist mir das beim Gusi - bei Freunden schau ich noch ab und zu in die Kiste - im geschriebenen Wortlaut durchaus interessant, im Fernsehen ein tollpatschiges Bärli, mit tw. arroganten Zügen)

Politiker die medial gut wirken und tatsächlich etwas zu sagen haben sind höchst selten. Dazwischen retten sich die Parteien irgendwie d'düber!

TeddyK
00
22.1.2011, 17:36
Cancun Konferenz

Kreiskys Aussenpolitik am Beispiel Cancun Konferenz - geschildert von ehem. Weggefährten Georg Lennkh: http://etalks.tv/blog/2011... enpolitik/

briefträger
07
22.1.2011, 13:42

Zitat: "Heuer, mehr als 20 Jahre später und angesichts einer neuen Politikergeneration, denen die Welt außerhalb Europas wurst zu sein scheint,...."

Dem kann ich nur Zustimmen. Für die heutige Politikergeneration sind ausländische Staaten nur Staaten in denen Ausländer leben, die vielleicht auch nach Österreich wollen und das hat man zu verhindern.
Heute zählt immer mehr der nationale Gedanke.

Auch wird diese Art von Politik die von wirklichen Staatsmännern betrieben wurde irgendawann komplett in vergessenheit geraten. Denn in Schule wird darüber auch und in Zukunft nichts gelehrt werden.

Nirvanacharly
 
04
23.1.2011, 10:37
zulasten des briefträgers

....kann ihnen ebenso voll zustimmen. was hatten wir für denker in der politik, kreisky, busek, mauthe, und jetzt lauter ungebildete fachidioten, null lebenserfahrung und null allgemeinbildung, wirtschaftszombis.

Hans Müller1
 
03
22.1.2011, 20:14
Hört doch endlich auf über die Politiker zu jammern,

die sind nur ein Ergebnis unserer Einstellung. Wir wählen diese Politiker, und es ist uns eben wichtiger ob der Benzinpreis um 2ct steigt als ob irgendwo anders in der Welt Menschen sterben. Was soll man sich auch großartig anderes erwarten von einer wertfreien Gesellschaft

Dr. Lari and Mr. Fari
 
01
23.1.2011, 15:09
nana, es gibt schon an Filter,

der längst nur mehr die Angepaßten und Wenigen über die Bezirksebene hinauf durchläßt.

Dr. Lari and Mr. Fari
 
00
23.1.2011, 22:20

WenDigen...

Ich bin der Meinung...
02
23.1.2011, 09:23
Sie vergessen

dass wir nur jene dumpfen Gestalten wählen können die zur Wahl stehen!

OK wir könnten aktiv in die Politik gehen. Aber welcher Mensch der alle Tassen im Schrank hat will das 2011 schon ?

Bertel Mann
02
23.1.2011, 07:46
"Wir wählen diese Politiker,..."

Welche Alternativen haben wir denn - ausser nicht wählen zu gehen? Wo ist in Österreich ein Politiker, der nicht zu "diesen" gehört an wählbarer Stelle?
Ganz abgesehen davon, dass der größte Teil der Politik mittlerweile von der EU gemacht wird, in der die entscheidenden Positionen so indirekt bestimmt werden, dass man nicht mehr von Demokratie sprechen kann.

snaut
00
22.1.2011, 19:58

Durch den Isolationismus ist bereits einmal ein Chinesisches Weltreich untergegangen.

Ernst Guevara
11
22.1.2011, 13:11
kreisky konnte also gut mit den sandinsten, aber weniger gut mit den "volksfront-linken" in chile

die ironie dabei ist: chile hatte bis zum faschistischen putsch 1973 die längste tradition einer parlamentarischen demokratie in lateinamerika. daran haben gerade auch die unidad popular und allende nichts geändert, eher im gegenteil: die demokratie blühte unter allende auf. ausserdem ist bemerkenswert, dass in chile gerade die sozialisten radikaler waren als die kommunisten, denn allende konnte immer mit der loyalität der chilenischen kommunisten rechnen, während er aus der eigenen partei oft kritisiert wurde, dass seine politik nicht weit genug gehe. umgekehrt hat nicaragua so gut wie überhaupt keine erfahrung mit der demokratie gehabt, bevor die sandinisten an die macht kamen und auch die sandinisten hatten zum teil autoritäre ansätze.

Alejandra Ruz
11
23.1.2011, 00:30

von der richtung, in die sich die sandinisten entwickelten, war kreisky ohnehin nicht sehr begeistert und hat sich deshalb folgerichtig auch von ihnen distanziert

Ernst Guevara
11
23.1.2011, 10:09
dass kreisky sich von den sandinisten distanziert hätte, bezweifle ich doch sehr stark

seine einstellung zu nicaragua war mehr das, was man damals "kritische solidarität" nannte. grundsätzlich unterstützte er die reformen der sandinisten, aber er war nicht in allen punkten einverstanden mit ihrer politik. ich denke schon, dass kreisky erkannt hat, dass man nicht über nacht die demokratie einführen kann, wenn man nie etwas anderes gekannt hat als die diktatur, das braucht eben zeit. ausserdem war nicaragua doch in einem ausnahmezustand, weil der psychopath in washington mit terroristischen methoden verhindern wollte, dass die reformen erfolg haben. kreisky hat diesen allgemeinen rahmen sicher begriffen, auch wenn er einzelne politische maßnahmen der sandinisten verständlicherweise nicht mittragen wollte.

Erhard Stackl Blog
00
22.1.2011, 17:30
Verrgleich Chile-Nicaragua

Sie haben vollkommen recht

Karlgaard
72
22.1.2011, 13:08
bad hair day

Ein klassisches Beispiel für einen "bad hair day".

gleich gleichgültig Gesinnter
 
00
23.1.2011, 17:35

Friseur?

pierNick
 
00
22.1.2011, 12:22
gerade auch diese persönlichen

blicke auf das denken der mächtigen sind lehrreich -
und, das ganz nebenbei, amüsant.

iohui
04
22.1.2011, 03:13

danke für diese wirklich informativen und sehr interessanten südblicke.

ganz weit weg
183
22.1.2011, 02:42

freut mich ...

der erste sein zu duerfen der zu diesem inhaltlich hervorragendem artikel gratuliert!

(einziger wehrmutstropfen: wird von rechts geputscht -> faschistischer Diktator ... wird von links geputsch -> sandinistische Revolution - hier wuerde ich mir mehr "gleiche schelte fuer alle" wuenschen)

anton b
00
23.1.2011, 12:13

bleiben Sie dort.

Football-Austria
03
22.1.2011, 12:42

Unterschiede zwischen Somoza und den Sandinisten gibt es weiland zu viele, um auf "gleiche schelte fuer alle" kommen zu können. Abgesehen davon, dass es keinen "Putsch" gab. Neben der Estatutos, die u. a. zu so Kleinigkeiten wie Einhaltung der Menschenrechte, Meinungs- & Relgionsfreiheit und zur Abschaffung der Sklaverei, Todesstrafe und Folter führte, gibt es seither noch ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal: Wahlen. Ist an sich alles evident, auch wenn man ganz weit weg ist.

jose luis schuster
04
22.1.2011, 11:54

putsch und revolution sind zwei verschiedene dinge.

Dr. Lari and Mr. Fari
 
00
23.1.2011, 15:12
Die Definition liegt im wesentlichen in den Händen der Sieger der jeweiligen Umwälzung.

Da wird SEHR viel gelogen!

In Wirklichkeit wird allzuoft (= fast immer) Teufel mit Beelzebub ausgetrieben.

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