Als Flüchtlinge willkommen

21. Jänner 2011, 19:26
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Viele Europäer wanderten nach Südamerika aus. Wie es seinen Vorfahren erging, schildert Antonio Skármeta

Mit dem chilenischer Autor sprach Alexandra Föderl-Schmid.

"Kennst du die Perle, die Perle Tirols. Das Städtchen Kufstein, das kennst du wohl ..." Es sind vertraute Klänge, die über den Marktplatz wehen. Ringsum Häuser im alpinen Stil und außerhalb des Ortes satte, grüne Wiesen. Wäre nicht der Vulkan Osorno in Sichtweite, könnte dies im Voralpenland sein. Es ist aber das Städtchen Puerto Varas, rund tausend Kilometer südlich von Santiago de Chile.

Hier, im sogenannten Kleinen Süden ließen sich Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts deutschsprachige Auswanderer nieder, viele aus der damaligen Habsburgermonarchie. Aus Tirol kamen die Vorfahren der Akkordeonspielerin im Dirndlkleid, die das Kufstein-Lied intoniert.

Auch die Großeltern von Antonio Skármeta kamen kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus Österreich-Ungarn, von einer kleinen Insel, die heute zu Kroatien gehört. "Der Armut und dem Militärdienst wollten sie entkommen", nennt der Autor als Gründe für ihre Auswanderung. Er hat ihre Geschichte in seinen Romanen Die Hochzeit des Dichters und Das Mädchen mit der Posaune (PiperVerlag) geschildert. "Österreicher und Deutsche waren sehr willkommen. Sie haben sich gut integriert, Chilenen geheiratet." Ihre Heimat haben sie in den Häusern und auf den Wiesen konserviert.

Die Einwanderer haben Grundstücke geschenkt bekommen, vor allem in Südchile. Oder sie haben sich im Norden angesiedelt, so wie Skármetas Vorfahren, zum Abbau von Rohstoffen. "Reich wurden sie nicht", sagt Skármeta, der die Romanvorlage für den bekannten Film Il Postino (die Oper wurde mit Plácido Domingo im Dezember im Theater an der Wien aufgeführt) schuf. "Aber in Chile standen meinen Großeltern alle Möglichkeiten offen."

Als der Feldkircher Eduard Frei vor mehr als hundert Jahren nach Südamerika auswanderte, konnte er nicht ahnen, dass sein Sohn und Enkel einmal Präsidenten in Chile werden würden. Eduardo Frei Montalva regierte zwischen 1964 und 1970, sein Sohn Eduardo Frei von 1994 bis 2000.

Nach dem Militärputsch 1973 wählten viele die Heimat der Vorfahren, Europa, als Exil, Skármeta lebte 15 Jahre in Berlin, Chiles Expräsidentin Michelle Bachelet vier Jahre in der DDR. "Damals waren wir Flüchtlinge aus Chile in Europa sehr willkommen." (DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.1.2011)

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