Abraham, ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund

21. Jänner 2011, 19:43
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Migration ist die Kontinuität der Menschheitsgeschichte - Das Schicksal der Juden belegt dies besonders eindrücklich

Jahrhundertelang galt das Exil als ihr natürlicher Lebensraum. Die Juden lebten nicht bloß verstreut in verschiedenen Erdteilen und fernab von einer eigenen Heimat. Ihr Dasein unterschied sich von jenem der griechischen Gemeinden in Kleinasien oder der italienischen Einwanderer in der Neuen Welt, denn die Juden hatten überhaupt kein Mutterland. Ihre Diaspora war nicht nur eine Kolonie, sondern bezeichnete den Fluch der Verbannung. Die Juden galten als vaterlandslose Gesellen, und zwar überall, ob in Wien, in Paris oder in Jerusalem.

Zweite Generation

Migration prägte auch das Selbstverständnis der meisten von ihnen. Sie waren unterwegs, schienen es immer schon gewesen zu sein, und bereits der mythische Abraham, so steht geschrieben, sei mit seinem Vater von der Stadt Ur nach Harran gezogen. Wir würden ihn heute einen Jugendlichen mit Migrationshintergrund nennen, einen aus der sogenannten Zweiten Generation. Überdies soll er bald zu seiner großen Reise aufgebrochen sein, um Gott zu folgen.

Die Juden wurden als Nomaden angesehen, die im Exodus, im Auszug aus Ägypten, zum Volk geworden waren. Im sechsten Jahrhundert vor Christus hatten sie bereits ein Babylonisches Exil erlitten, und seither lebten viele jüdische Gemeinden außerhalb Zions, aber erst mit der Zerstörung des Zweiten Tempels vor etwa zwei Jahrtausenden wurde die Diaspora zum allgemeinen Schicksal.

Einheimischer als die Landleute 

Obwohl die Juden als Fremde beschimpft wurden und sie selbst zu jeder Zeit für eine Rückkehr ins Gelobte Land beteten, waren sie oft einheimischer als viele der zünftigen Landsleute, die sich als die wahrhaft Bodenständigen gerierten. Es ist deshalb, wie etwa Sigmund Freud in seinem Buch Der Mann Moses und die monotheistische Religion darlegte, falsch, den Antisemitismus als Xenophobie zu verstehen, und er führte als Beweis an, dass in Köln Juden etwa schon unter römischer Herrschaft und vor der germanischen Besiedlung gelebt hatten. Es könnten viele andere Beispiele angeführt werden: Seit ihrer Gründung wohnten Juden in der Metropole Baghdad. Sie machten bis vor sechzig Jahren noch ein Viertel der Bevölkerung aus. Heute finden sich nur noch wenige Dutzend im Irak.

Die Existenz von Juden in Wien ist seit 1194 nachweisbar. Schlom war bis zu seiner Ermordung 1197 der Münzmeister des Herzogs. Allein dieser Lebenslauf beweist: Die frühe Ansiedlung von Juden verweist noch nicht auf Kontinuität. Im Gegenteil: Pogrome und Vertreibungen prägen die jüdische Geschichte.

1420 wurden Juden im Zuge der ersten Wiener Gesirah vertrieben oder ermordet. Bloß Einzelnen wurde danach der Zugang in die Stadt erlaubt. Seit 1620 mussten sie in einem Ghetto außerhalb der Stadtgrenzen, im unteren Werd, leben. 1670 wurden sie ein weiteres Mal aus dem Land gejagt. Noch im achtzehnten Jahrhundert zwang Karl VI. die Juden, mittelalterliche Kennzeichen zu tragen. Unter Maria Theresia rangierten sie im Zolltarif hinter dem Vieh, und wenn die Kaiserin ihre jüdischen Hoffaktoren empfing, verschanzte sie sich hinter einem Paravent.

In Schranken tolerant

Selbst das Toleranzedikt von Joseph II. galt eben bloß für "tolerierte" Juden. Die jüdische Einwohnerzahl war weiterhin beschränkt, doch immerhin mussten die Juden nicht mehr im Ghetto leben. Erst im Zuge der Revolution von 1848 konnte die Forderung nach rechtlicher Gleichstellung erhoben werden, doch bis 1867 waren sie noch verschiedenen Ausnahmeverordnungen unterworfen. Die rechtliche Befreiung ermunterte indes eine neue Zuwanderung aus den östlichen Teilen des Imperiums.

Viele jüdische Familien zogen aus der Enge der Provinz in die Residenzmetropole der Donaumonarchie. Die Mehrheit der Juden lebte in armseligen Verhältnissen. Doch seit Jahrhunderten strebten jüdische Eltern danach, ihre Söhne studieren zu lassen. Sie waren stolz, wenn sie einen ihrer Sprösslinge an die Universität schicken konnten. Wollten sie aufsteigen, mussten sie sich ohne Seilschaften und abseits des Anerkannten abmühen und gegen das Vorgefasste ankämpfen. Nirgends im deutschsprachigen Raum lebten so viele Juden an einem Ort und spielten eine so herausragende Rolle.

Der Stolz von Wien 

Jenes jüdische Wien gilt heute auf der ganzen Welt als Kristallisationspunkt der künstlerischen, wissenschaftlichen, philosophischen und politischen Moderne um 1900, und wie gerne werden doch die vielen großen Namen genannt, etwa Sigmund Freud, Stefan Zweig oder Arnold Schönberg, um sie zur höheren Ehre des Landes anzuführen, als wären sie, ihre Verwandten und ihre Schicksalsgenossen nie als Andersartige diskriminiert, vertrieben oder ermordet worden.

Wer studiert, wie einst - etwa von Georg von Schönerer oder von Karl Lueger - gegen sie gehetzt wurde, wie ihnen zum Beispiel unterstellt wurde, sich abzukapseln, aber gleichzeitig alle Bereiche der Gesellschaft zu durchsetzen, der fühlt sich unweigerlich daran erinnert, was heute gegen die sogenannten Fremden vorgebracht wird. Immerhin: So ein kurzer Blick in die Vergangenheit räumt mit manchem Mythos von Heimat auf. Migration ist die eigentliche Kontinuität menschlicher Geschichte, und jede Kultur war von Anfang an Assimilation. (Doron Rabinovici, DER STANDARD Printausgabe, 22./23.1.2011)

DORON RABINOVICI,

Essayist und Schriftsteller, wurde 1961 in Tel Aviv geboren, er lebt seit 1964 in Wien.

  • Rabinovicis Blick zurück räumt mit Heimatmythen auf
    foto: standard/corn

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