"Ceuta ist ein großes Gefängnis für uns"

21. Jänner 2011, 18:53
4 Postings

Monatelang zum Nichtstun verdonnert: das trostlose Leben der Flüchtlinge in der spanischen Exklave Ceuta in Nordafrika

Allahu akbar, "Gott ist groß", schallt der Muezzin-Ruf freitagabends über Ceuta, mit dem etwa 230 km östlich gelegenen Melilla eine der zwei Exklaven Spaniens in Nordafrika. Minuten später ertönen Kirchenglocken. Ceutas rund 75.000 Einwohner sind zu fast gleichen Teilen Christen oder Muslime. Neben der jüdischen Gemeinde vervollständigt eine hinduistische das multikulturelle Flair auf 18,5 Quadratkilometern.

Ceuta ist umgeben vom Mittelmeer und von kilometerlangen Grenzzäunen, die Immigranten aus Marokko abhalten sollen. Schon das antike Septa an der Straße von Gibraltar war von strategischer Bedeutung. Am Fuß des Dschebel Musa, der zweiten "Säule des Herkules" , herrschte eine Vielzahl an Völkern von den Phöniziern über die Römer, bis Ceuta schließlich im Zuge der Rück-eroberung des muslimischen Iberiens 1415 von den Arabern an Portugal fiel. Seit 1580 steht es unter der Herrschaft Spaniens. Über Jahrhunderte hinweg hat sich hier Spanisches mit arabisch-marokkanischer Lebensart vermengt.

Dass Spanier und Berber nicht so verschieden sind, wird in der Tapas-Bar "J" unweit der Einkaufsstraße Calle Real deutlich. Abends treffen sich Männerrunden beider Kulturen. Sie naschen in Salzwasser eingelegte Wolfsbohnen (Altramuces) und schauen einem Match des Fußball-Drittligisten AD Ceuta zu, dessen Vereinsmotto "Ceuta sind wir alle" zutreffend erscheint. Natürlich sind die Fleischbällchen Halal, und der marokkanische Minztee kann mit Dirham bezahlt werden. Marokko aber erhebt Anspruch auf die Exklaven und Eilande, wie die Petersilieninseln, die 2002 beide Staaten an den Rand eines Krieges brachten. Ressentiments zeigen sich in antispanischen Schmierereien, die sich oft in den von Berbern bewohnten Randbezirken finden. Ende 2010 blockierten marokkanische Aktivisten die Grenzübergänge. Im Spätherbst davor rebellierte die berberstämmige Jugend aufgrund mangelnder Arbeitsperspektiven.

Hoffnungsloser ist indes die Situation der Immigranten aus der Sub-sahara-Region. Sie stürmten wiederholt in Gruppen die seit den 1990ern verdreifachten Grenzzäune der Exklave. Infrarotkameras, Bewegungsmelder und rasiermesserscharfer Nato-Draht sind fast unüberwindbar. Am 29. September 2005 starben im Hagel von Gummigeschoßen der spanischen Grenzwache und echten Kugeln marokkanischer Militärs zwischen acht und 13 Menschen.

Weitaus mehr ertranken beim Versuch, die Grenzen zu umschwimmen. Wer es dennoch schaffte, der wird im Ceti (Centro de Estancia Temporal de Inmigrantes) vis-à-vis eines Reitklubs interniert. Die Untergebrachten - knapp 500 aktuell - dürfen das vollbelegte Lager tagsüber verlassen, doch aus Ceuta gibt es kein Hinauskommen. Monate, gar Jahre sind sie zum Nichtstun verdonnert. Samstags wird Fußball gespielt und Wäsche gewaschen. Einige treiben Sport, laufen den Strand entlang oder zum weit über der Stadt gelegenen Stausee. Die wenigsten werden je einen regulären Status als Flüchtlinge erhalten. Wer nicht abgeschoben wird, erhält einen 15 Tage gültigen "Passierschein" , der sie eigentlich zum Verlassen des Landes auffordert. Diesen in der Hand, tauchen viele in die Illegalität ab.

Bis zur Entscheidung arbeiten die jungen Männer für ein paar Centmünzen am Tag. Doch was Parkplatzanweisen oder Scheibenputzen abwerfe, sei zu wenig, sagt Martín aus der Demokratischen Republik Kongo. Vor einem Jahr wurde er mit seiner Frau aus Paris abgeschoben, doch das Paar versuchte die Odyssee erneut. "Jetzt sind wir hier. Außer Essen und Schlafen gibt es nichts zu tun. Ceuta ist ein großes Gefängnis für uns" , beklagt er.

Für Mohammed aus Guineas Hauptstadt Conakry lief es unwesentlich besser. Er zeigt eine Fünfzig-Cent-Münze, für den wöchentlichen Anruf in die Heimat, sagt der 25-Jährige. Zwei Jahre hätte er seine Familie nicht gesehen, auf seiner Reise. "In Marokko war es am schlimmsten", sagt er. "Hunger und Durst waren ständige Begleiter, und auch die Übergriffe seitens der Polizei." (Von Jan Marot/DER STANDARD, Printausgabe, 22.1.2011)

Share if you care.