Auswege statt Freiheit

21. Jänner 2011, 18:53
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In eine kurzweilige Stunde packt Daniel Doujenis Kafkas "Bericht für eine Akademie": Sein Rotpeter erzählt auch zwischen den Zeilen

Graz - Wer in einen Käfig gesperrt ist, wem die Gitterstäbe dieses Käfigs in den Rücken schneiden, bis ihn der Schmerz halb wahnsinnig und handlungsunfähig macht, der braucht einen Ausweg. Aber was ist ein Ausweg? "Nicht das große Gefühl von Freiheit nach allen Seiten", weiß Rotpeter, Kafkas sprechender Affe, der, um dem Schmerz zu entkommen, Männchen macht vor den Menschen.

Der Schauspieler Daniel Doujenis, früher langjähriges Ensemblemitglied des Grazer Schauspielhauses, schlüpft seit Donnerstag im Kulturzentrum bei den Minoriten in einer Produktion der Grazer Schaubühne in Franz Kafkas Bericht für eine Akademie ins Fell des gedemütigten Tieres.

Wer eine Überfahrt, wie sie Rotpeter von Afrika nach Hamburg hinter sich brachte, mitgemacht hat, der - so sagen die Menschen - stirbt entweder oder er ist ein perfektes Objekt für einen Dompteur. Oder aber beides: Denn ein Teil des Affens starb auf hoher See. Er habe das "Äffische" in seiner Vergangenheit zurückgelassen und könne der "hehren Akademie" gar nicht mehr viel davon erzählen, meint der Affe. Zwischendurch verfällt Doujenis als Rotpeter immer wieder in wilde Zuckungen zu Soulmusik und schürzt die Lippen wie ein Schimpanse. Da bricht Leben aus dem dressierten Wesen, dass sich zwischen zoologischem Garten und Varieté ohne zu zögern für Letzteres entschied.

Doujenis spielt - mit Zylinder, silbernem Schlangenimitat-Gilet und rosa-goldener Hose unverkennbar der Randgruppe der Künstler zugeordnet - von Anfang an sehr feinfühlig und mit vielen Zwischentönen den Außenseiter, der sich angepasst hat, sich unterworfen hat, weil er keine Alternative hatte. Rotpeter lässt seinen verbleibenden Trotz und seine Wehmut in der Regie von Christian M. Müller durchschimmern wie die Glühbirne, die er sich unters Hemd steckt, durch den weißen Stoff.

Das Licht der Erkenntnis, das Rotpeter in der menschlichen Sprache und dem Vermögen zu denken aufgehen sollte, wird gleich wieder unterdrückt.

Und er lässt das Publikum wissen: Vernunftbegabtheit allein garantiert einem Wesen nicht den freien Willen. Sie macht nur die Unterdrückung unerträglicher.

"Ich soll wenig Lärm gemacht haben", brüllt Doujenis, wenn sich der höfliche Affe an seine traumatische Überfahrt mit spuckenden, grölenden Menschen zu erinnern versucht. Es ist eine von vielen Stellen, wo Kafkas Text sehr sensibel und mit schmerzlichen Verweisen in die aktuellste Gegenwart interpretiert wird. (Colette M. Schmidt/ DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.1.2011)

22., 23., 26., 27., 29. 1. und 1., 4. 2. 19.30

  • Daniel Doujenis gibt Kafkas gezähmten Affen mit spannenden 
Zwischentönen.
    foto: rauchenberger/minoritenkultur

    Daniel Doujenis gibt Kafkas gezähmten Affen mit spannenden Zwischentönen.

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