Zaunbau

Pflicht und Kür am Evros

21. Jänner 2011, 18:51

90 Prozent der illegalen Immigranten kommen über die türkisch-griechische Grenze in die EU - Jetzt soll ein Zaun her

Das Grenzland meint es nicht gut mit den Menschen. Es ist weit, es ist leer, es hat Platz genug für den ganzen feuchten Nebel dieser Welt, der in die Kleider kriecht und sich auf die Wangen legt wie ein nasses Handtuch. Es lässt Familien mit kleinen Kindern im Dreck stecken, morgens um drei, die Soldaten und manchmal auch die Schleuser. So ist das Grenzland. Es gibt die Pflicht und die Kür, sagt der deutsche Polizeihauptkommissar.

Die Nachtschicht beginnt

Abends um halb zehn kommen die "Germani" , lange Typen mit gefütterten blauen Hosen. Die Nachtschicht beginnt in der Polizeiwache von Orestiada, eine griechische Offizierin lehnt am Türstock und rasselt die Liste mit den Namen herunter, den deutschen und den griechischen; ein Grenzpolizist aus Litauen ist in dieser Nebelnacht auch dabei. Tornister mit Thermo-Kameras werden angeschleppt. Es ist wieder Zeit für die Pflicht und die Kür im griechischen Grenzland zur Türkei. "Die Zahlen sind traumhaft" , sagt Gennaro di Bello, der Kommissar aus Düsseldorf. Di Bello leitet den Einsatz der EU-Grenzschutztruppe Frontex im Nordteil des Evros um die Provinzstadt Orestiada. Die Deutschen nennen es das "Scheunentor" . 90 Prozent der illegalen Einwanderer in die EUkamen zuletzt über den Grenzfluss Evros, wo die Türkei aufhört und Griechenland anfängt.

Seit die rund 180 Polizisten aus den EU-Staaten angerückt sind, fällt die Zahl der Immigranten, die ihr Glück versuchen: Iraner, Iraker, Afghanen, Pakistani, Palästinenser, Afrikaner. Junge Männer, häufig auch Frauen, mit und ohne Kleinkinder. 50 Prozent weniger hier oben im Nordteil, sagt Giorgios Salamakgas, der Polizeichef von Orestiada. Er raucht Kette, sitzt auch jetzt, kurz vor Mitternacht, noch im Büro und hat einen nervösen Tick. Der jahrelange Stress mit der Grenze zeigt seine Folgen.

Die Flüchtlinge, die aufgegriffen werden, kommen in die Aufnahmelager um Orestiada. Das ist die Pflicht. Die "Kür" aber ist, die Schleuser und die Flüchtlinge noch auf türkischem Gebiet auszumachen, im schlammigen Niemandsland zwischen den beiden Staaten festzuhalten und dann den türkischen Soldaten zu übergeben. "Das klappt immer besser" , sagt di Bello, der Frontex-Mann. Vieles anderes klappt im Grenzland dafür überhaupt nicht, auch noch ein Jahr nach dem die Flüchtlingswelle mit 400 Menschen am Tag dramatische Ausmaße angenommen hatte. Evros ist die Geschichte von Nachlässigkeit und politischem Desinteresse.

Fünf Tage haben Griechenland und die EU im vergangenen Oktober gebraucht, um die Frontex-Truppe ins Grenzgebiet zu bringen, sagt Joanna Pertsinidou, Einsatzleiterin von Ärzte ohne Grenzen am Oberlauf des Evros, "es hätte genauso schnell gehen müssen, um den Menschen zu helfen" . Das heißt, eigentlich ist nach wie vor gar nichts gegangen: Der griechische Staat pfercht seine illegalen Immigranten immer noch für Wochen und Monate in umfunktionierte Lagerhallen, bis der Abschubbeschluss steht. Augenzeugen berichten weiter von horrenden Zuständen. Weniger als einen Quadratmeter Platz haben die Insassen, Schlafen in ausgestreckter Position ist nicht immer möglich. Freigang wird - wenn überhaupt - nur einmal am Tag morgens für wenige Minuten gewährt; oft führten die griechischen Polizisten nun an, die Winterkälte sei nicht gesund für die Flüchtlinge, und sperrten die Gefängnistüren deshalb aus Faulheit überhaupt nicht auf, heißt es. Die sanitären Bedingungen sind weiter unzumutbar:Im Aufnahmelager in Soufli, einer Kleinstadt auf dem Weg zwischen Orestiada und Alexandropoli, gibt es für derzeit 120 Insassen theoretisch zwei Toiletten; eine Toilette haben die Flüchtlinge aber selbst versperrt, um den Platz vor der Tür zum Liegen zu nutzen. Heizgeräte sind in Soufli kaputt, keiner kümmert sich um die Reparatur.

Besuchsverbot im Lager

Journalisten gewährt die griechische Polizei keinen Zutritt ins Innere dieser Aufnahmelager. Es gehe um den Personenschutz der Immigranten, erklärt ein Polizeioffizier in Orestiada, aber auch um das Sicherheitsrisiko für Besucher. Die Insassen könnten leicht aufgebracht werden. Die Informationssperre bewirkt, dass auch die griechische Öffentlichkeit keine rechte Vorstellung hat von dem, was in den Flüchtlingslagern vor sich geht. Es mag sein, dass es sie auch nicht sonderlich interessiert. Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, die immer nur steigenden Preise prägen den Alltag der Griechen in diesen Monaten. Dazu kommt die Größe des Flüchtlingsproblems im Land:Ein Zehntel der Bevölkerung sind Immigranten - 890.000 registrierte und schätzungsweise eine halbe Million illegale. "Es ist wie eine Bombe in der griechischen Gesellschaft" , sagte Christos Papoutsis, der Minister für Bürgerschutz.

Kalkül

Nichts an den Zuständen in den Lagern zu ändern ist deshalb auch Kalkül. Flüchtlinge sollen nicht auch noch ermutigt werden, den Übertritt nach Griechenland zu versuchen. Die Visafreiheit, die Ankara den nordafrikanischen Ländern und jüngst auch Jemen gegeben hat, ist einer dieser Anreize. "Pull factors" heißt das im Jargon der Flüchtlingsexperten.

Dafür soll nun der Zaun her. Zwölfeinhalb Kilometer, auf der einzigen Landgrenze mit der Türkei bei Edirne, der große Rest der Grenze verläuft auf der Mitte des Evros. Für Salamakgas, den Polizeichef, gibt es darüber gar keine Diskussion. Von den 36.000 Flüchtlingen, die im vergangenen Jahr im Nordteil aufgegriffen wurden, kamen 26.000 über den Landabschnitt. Den Evros hatten sie zuvor problemlos auf der türkischen Seite über eine Brücke passiert.

"Ich würde mir keinen Grenzzaun wie nach Mexiko wünschen", sagt der Frontex-Leiter di Bello. Das sei seine persönliche Meinung. "Ein Zaun mit Türen - das wär der Traum. Wir schicken ja keine Familien zurück, die wir aufgreifen. Dafür ist der Grenzstreifen viel zu gefährlich." (Von Markus Bernath/DER STANDARD, Album, 22.1.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 32
1 2
Der vierte Lemming von links hinten
03
24.1.2011, 08:05
Wenn 180 EU Polizisten ausreichen,

um die Zahl der illegalen Einwanderer merklich zu reduzieren, fällt es mir nur schwer zu verstehen, warum die Griechen nicht selbst auf die Idee gekommen sind, ihr Team zu verstärken.
Die Skepsis als treuer Begleiter lässt mich leider vermuten, dass die Anfälligkeit auf Bestechung und Schmiergeld bei den Neuankömmlingen von Frontex im Moment noch geringer ist.

prusiner
15
23.1.2011, 12:24
Türkei

ist die Türkei kein sicheres Land für Verfolgte?

Sahin´s Schmalzlocke
50
23.1.2011, 13:45
EU

ist die EU kein sicheres Gebilde für Verfolgte?

renatus79
 
01
25.1.2011, 15:26
EU kein sicheres Gebilde?

nur solange sich die EU das leisten kann - sonst wird es automatisch SEHR unsicher werden...

punkt 2:
wie viele wollen sie aufnehmen?
1, 2, 3, 4 milliarden menschen? WER sagt, wann schluss ist? denn wirklich arm sind milliarden von menschen...
siehe bevölkerungsexplosion:
http://upload.wikimedia.org/wikipedia... t-de-2.png

duke box
00
24.1.2011, 16:32

für verfolgte schon.

prusiner
14
24.1.2011, 08:57
jedenfalls

scheint die EU nach wie vor ein ziemlich attraktives Ziel zu sein; das wird nicht ganz grundlos so sein

Sahin´s Schmalzlocke
10
24.1.2011, 16:38
Schön!

Aufnehmen will diese aber dennoch keiner.

Die Kritik der Hilfsorganisationen wird ja nicht ganz grundlos sein.

Johannes99
09
22.1.2011, 18:59
Und was ist der Sukkus des Artikels?

Es gibt legale Möglichkeiten, irgendwo einzuwandern (zugegeben, mit enormen Hürden), und es gibt illegale. Sind wir jetzt wirklich die Bösen, weil Ankara augenzwinkernd neue Wege aufmacht, und wir wollen diese absperren?

Pete Outlaw
103
22.1.2011, 16:21
herrlich.

EU einzäunen .. mit brennendem, elektrisch geladenem stacheldraht und ständig besetzten wachposten mit schiessbefehl. schwimmende "flüchtlingslager" auf hoher see am besten ganz ohne personal - wozu auch. die sollen selber ihre zellen putzen.

nur nichts am bestehenden, langsam aber sicher kollabierenden system ändern. MEHR ZÄUNE!

kein problem der "recieving countries" (integration, flüchtlingslager, asylpolitik, etc.) ohne probleme der "sending countries" (ausbeutung durch westliche regierungen und konzerne, korruption, ...)

Diona007
23
22.1.2011, 12:55

Man sollte sich auch mal ansehen was für eine Flüchtlingspolitik die Türkei verfolgt und wie Flüchtlinge in der Türkei leben. Für manche ist ein überfülltes Flüchtlingslager in GR die bessere Wahl...

Sahin´s Schmalzlocke
30
23.1.2011, 13:50
Sachen gibs....Komischweise ist ausgerechnet die europäische Hilfsorganisation Pro Asyl anderer Meinung..

Sahin´s Schmalzlocke
50
23.1.2011, 10:18
stimmt

die Türkei nimmt die Flüchlinge auf die auf offene See von den Griechen abgesetzt werden.

Standard Leser4
 
10
23.1.2011, 10:34

Auch d Schiff Struma ?

Sahin´s Schmalzlocke
70
23.1.2011, 13:56
Ich weiß ja nicht im welchem Jahrhundert Sie leben

aber wir befinden uns mittlerweile im 21. Jahrhundert.

Und laut einer christlichen Hilfsorganisation KADER nimmt die Türkei mehr und mehr christliche Flüchtlinge auf, was man von den Europäern nicht behaupten kann.

http://www.tagesspiegel.de/politik/m... 17840.html

Standard Leser4
 
17
23.1.2011, 16:18
Sie sollten halt doch die Links lesen, dann wuerden Sie auch wissen

die christlichen Fluechtlinge in der Tuerkei duerfen nur so lange bleiben bis sie ein Land gefunden haben d sie aufnimmt.! Ankara betrachtet die irakischen Christen als Gaeste nicht als Einwanderer!
Also nicht so tun wie wenn die Tuerkei die "Fluechtlinge" aufnehmen wuerde, ich sage ganz salopp die Tuerkei betrachtet die Fluechtlinge, wie damals im 20 Jahrhundert als Geschaeft und laesst sich von der UNHCR bezahlen.
Uebrigens sollte sich die Tuerkei auch an den Hauptverursacher wenden: USA
Nicht immer per Nacht und Nebel die Leute ueber den Evros schicken!

Sahin´s Schmalzlocke
10
23.1.2011, 16:39
Immerhin, sie dürfen bleiben und werden nicht direkt abgeschoben

Sie werden solange geduldet bis ein anderes Land diese aufnimmt. Was ist bitte daran jetzt schlecht?

Europa ist nicht mal bereit irgendwelche Flüchtlinge aufzunehmen, im Gegenteil Europa versucht Flüchtlinge anzuschieben.

Sie sollten halt meine Links ganz zu Ende lesen.

Standard Leser4
 
12
23.1.2011, 20:21
Immerhin haben Sie uns anluegen wollen !

Oesterreich hat auch fuer Hundertausende Ungarische Fluechtlinge gesorgt, nicht alle wollten nach Kanada, USA oder England, diese durften in Oesterreich bleiben und sind seit langen Oesterr Staatsbuerger.
Nur abkassieren und dann rausschmeissen ist wirklich keine Humanitaere Leistung der Tuerkei!
Wenn ich die Statistik betrachte kann man Oesterr wirklich nicht vorwerfen keine Fluechtlinge aufzunehmen. Natuerlich "irgendwelche", also Wirtschaftsfluechtlinge wird auch Oesterreich nicht haben wollen!

Sahin´s Schmalzlocke
00
23.1.2011, 20:29
Anlügen? Mit was denn? Die Türke nimmt diese vorübergehend auf und das ist FAKT. Die Türkei kann ja auch nix dafür wenn diese weiterziehen möchten.

Immerhin bietet die Türkei ein Fluchort, was bietet Europa?
Wenn die EU so ein toller Verein ist, wieso nimmt es diese Flüchtlinge nicht auf?

Wozu die Kritik vom christliche Verein KADER?

P.S.
Wieso argumentieren Sie eigentlich immer mit Geschehnissen aus der Vergangenheit?
Fällt Ihnen nix besseres ein?

Jülyet Ksantopulo
11
24.1.2011, 15:09
Herr Sahin,

türkisch-völkische Gesinnung ist fehl am Platze.

Fühlen Sie sich endlich als Österreicher!

Sahin´s Schmalzlocke
20
24.1.2011, 19:48
Und dann?

Ich könnte ja meinen Namen in Sarazzin ändern und auf die Meinungsfreiheit pochen.

Wären Sie dann damit zufrieden?

Standard Leser4
 
11
24.1.2011, 23:20
Sahin wir alle wissen warum Sie sich Sahin als Nick zugelegt haben

Sahin Leyla lebt seit 1999 in Wien und brachte d Kopftuchverbot der Tuerkei vor d ECHR Gerichtshof.
Wie fuehlt man sich so, als Kopftuch Verteidiger ?

Sahin´s Schmalzlocke
10
24.1.2011, 23:39
was anderes ist Ihnen nicht eingefallen?

oje oje

Sahin´s Schmalzlocke
00
24.1.2011, 19:12
Warum?

Standard Leser4
 
21
24.1.2011, 17:09

Herr Sahin ist in Deutschland zu Hause, er braucht sich daher nicht als Oesterreicher zu fuehlen. Lol

Standard Leser4
 
00
23.1.2011, 20:51
Nein Fakt ist d die Tuerkei vielen von diesen sogenannten Fluechtlingen

ohne Visa die Einreise in die Tuerkei erlaubt u dann von der UNHCR Geld erpresst um diese Leute betreuen zu koennen. Es ist also fuer die Tuerkei eher wie II Klasse Tourismus u keine Humanitaere Leistung.
Wer wird sich fuer die Tuerkei entscheiden wenn er nicht arbeiten darf? Keiner!
PS. Warum verwendet die Huerriyet noch immer taeglich den Spruch "Tuerkei den Tuerken" faellt denen nichts besseres ein?

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