Ein neues Geschichtsbild braucht das Land

21. Jänner 2011, 18:38
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Betrifft: Migration und nationale Erinnerungspolitik

Was ist im Zeitalter globaler Migration eigentlich noch "unsere" Vergangenheit? Es sei die These gewagt, dass die historische Identität als exklusives Projekt nationaler Erzählungen heute überholt ist. Migrationsgeschichten sind in Österreich bislang aber vergessene oder randständige Geschichten. Ihre Aufnahme ins kollektive österreichische Gedächtnis steht aus. Dies gilt insbesondere für die Migrationen seit 1945.

Keine öffentliche Gedenktafel erinnert etwa an den Beitrag der Arbeitsmigranten an das "Wirtschaftswunder" der Nachkriegszeit. In keiner offiziellen Jubiläumsveranstaltung wurde jemals der Anwerbeabkommen gedacht, die Österreich in den 1960er-Jahren mit Spanien, der Türkei und dem damaligen Jugoslawien abgeschlossen hatte. Und im mehr als 600 Seiten umfassenden Begleitband zur Ausstellung 90 Jahre Österreich, die 2008 im Parlament gezeigt wurde, sind ganze zwölf Zeilen der Arbeitsmigration nach Österreich gewidmet.

Auch der Blick auf die historischen Museen belegt die Ausgangsthese: In Dauerausstellungen bleibt das Thema ausgespart. Größere Migrationsausstellungen hatten in den letzten zehn Jahren Seltenheitswert. Dies sieht in den europäischen Nachbarländern anders aus. In Paris öffnete im Jahr 2007 das erste nationale Migrationsmuseum Europas seine Pforten. In Deutschland und der Schweiz gibt es zivilgesellschaftliche Initiativen zur Schaffung eines solchen Ortes. Und in beiden Ländern wurden zahllose migrationshistorische Ausstellungen in etablierten Museen gezeigt.

Österreich hat also Nachholbedarf, eine an diese Entwicklungen anknüpfende - durchaus kontroverse - öffentliche Debatte über ein Migrationsmuseum und die Rolle der Migrationsgeschichte ist überfällig: auch und nicht zuletzt im Interesse der Herausbildung eines Wir-Gefühls aller Österreicher - ob zugewandert oder nicht.

Die tradierte österreichische Geschichte ist heute auch jene der eingewanderten Türken, Kurden, Serben, Kroaten oder Inder. Höchste Zeit, dieser Entwicklung in der Erinnerungspolitik Rechnung zu tragen. (Christiane Hintermann, Rainer Ohlinger, DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.1.2011)

CHRISTIANE HINTERMANN, Historikerin am Boltzmann-Institut für Europäische Geschichte.

RAINER OHLINGER, Mitglied des Netzwerks Migration und Europa.

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