Es reicht! - Aufruf zum Bildungsstreik

21. Jänner 2011, 18:30
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Und ein Appell im Lichte des Generationenvertrags: Sollten angesichts der aktuellen Uni-Politik nicht einmal die "Alten" für ihre Enkel auf die Straße gehen? Und tun sie's nicht: Wie wär's mit einem Ausstand der Zivildiener?

Wann gehen endlich die Studierenden und ihre Eltern, ihre Professoren, die Schüler und überhaupt alle auf die Straße? Wann gibt es einen Generalstreik gegen das Verdummungs-Verbrechen, das hierzulande an einer ganzen Generation begangen wird? Wann solidarisieren sich die Gewerkschaften mit den Studierenden und lassen die Züge der ÖBB und der Wiener Linien still stehen?

Vor einigen Tagen wurde einer meiner Filme in der Hochschule für Angewandte Kunst gezeigt. Ich war auf eine Horrorprojektion in einem Substandard-Hörsaal gefasst. Denn in der Kunstakademie gibt es keinen Ort, wo die Kunstformen des 20. und 21. Jahrhunderts in adäquater Qualität vorgeführt werden können. Doch die Studierenden zeigten mir stolz, wie sie selbst schwarze Vorhänge und Lautsprecher in der Mensa angebracht haben, also diese abends in einen Behelfsvideosaal verwandeln können. Kinoprojektoren und Vorführer könne sich die Uni nicht leisten und Platz gäbe es schon gar nicht. Seltsame moderne Zeiten, dachte ich, jedes läppische Gewerkschaftsheim hatte früher seinen Kinosaal samt ausgebildetem Vorführer.

Mag dies als Luxusproblem erscheinen, so steht es doch paradigmatisch für die gesamte Misere, die nun mit dem Schulterschluss der beiden Bildungsdamen ihren vorläufigen Höhepunkt fand: Sie haben die Lösung gefunden: Statt Geld, Platz und Personal Disziplinarmaßnahmen für 18-jährige Menschen! Diese sollen, eben erst aus einem langen, oft wenig erfreulichen Schulleben entlassen, im ersten Semester brav lernen, damit sie weiter studieren dürfen.

Dahinter steckt - diesmal ganz offen - Verachtung für das Studieren an sich. Studieren sollte nämlich neben fachlicher Ausbildung Zeit zum Nachdenken und Diskutieren geben, Zeit zur Suche nach sich selbst und zur Aneignung einer politischen Haltung. Das ist heute nur noch in den wenigen Fällen möglich, in denen sich Eltern die weitgehende Unterstützung ihrer Kinder leisten können. Im Normalfall hat jemand im ersten Semester nicht allein die radikale Umstellung vom Leben im Familienverband zur Organisation der neuen Freiheit zu verkraften, sondern auch Jobs zu suchen und sich im Chaos des hiesigen Unibetriebs zurecht zu finden.

Bereits jetzt wird ja z.B. an der WU mit Mobbing und Knockout-Prüfungen in den ersten zwei Semestern auf untergriffige Weise der Numerus clausus nachgereicht. Diese neuen Selektionszumutungen dürfen nicht Gesetz werden! Statt internationale Auswahlverfahren wie Notendurchschnitt und Interviews anzuwenden, die immerhin fair sind, wird hierzulande nach unten getreten, wird nicht Intelligenz, sondern Disziplin belohnt. So macht man Unis zu Kasernen, so züchtet man angepasste Untertanen, keine konkurrenzfähige Elite.

Symptomatisch für die Damen: Schmied und Karl zogen die lustige Idee einer Zwangsberatung gleich wieder zurück, weil weder die Räume noch die Berater aufzutreiben sind. Sie sollten mal einen Tag in den Hörsälen einer Uni verbringen müssen - danach würden sie den Studierenden danken, dass sie dort überhaupt hin wollen; noch eklatanter wird der Widerspruch, wenn man sich ansieht, welche Prachtmuseen neben den verlotterten Unis stehen, wie z. B. das elegante MAK neben der vergammelten Angewandten: Repräsentation statt Bildung und Wissen. Touristenattraktionen fürs Museum Österreich. Wenn's so weitergeht, passt die Bundeshymne vom "Land der Hämmer" wieder. In der Lehrlingsausbildung ist die Welt ja noch in Ordnung.

Was tun? - In Österreich wird der Generationenvertrag ganz einseitig ausgelegt. Zivildiener helfen zum Großteil alten Menschen. Von tatkräftiger Unterstützung einer qualifizierten Ausbildung der Jugend hört man bei Pensionisten dagegen nichts. Wäre es nicht auch denkbar, dass Großeltern bei der Geburt ihrer Enkel einen College-Funds anzusparen beginnen, wie in den USA üblich? Dass relevante Studiengebühren und großzügige Stipendien ebenso wie zinsenfreie Darlehen eingeführt werden? Oder dass die Oldies einmal zu tausenden für die Interessen der Jugend Fahnen schwenkend über den Ring marschieren?

Anscheinend mangelt es den 50-80-Jährigen an Solidarität und Familiensinn. Anscheinend fahren sie lieber nach Mallorca oder ins Thermenhotel, statt sich für die Belange ihrer Kinder und Enkel stark zu machen.

Der effektivste Protest gegen die Bildungsmisere wäre daher wohl ein Streik der Zivildiener, verbunden mit eindeutigen Forderungen. Der würde nicht allein den Bildungsdamen Beine machen! (Ruth Beckermann, DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.1.2011)

RUTH BECKERMANN, Dokumentarfilmerin und Autorin, lebt in Wien.

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