Bissiger Mischling im Randbezirk

21. Jänner 2011, 18:29
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Gefrässig: Palmetshofers "tier. man wird doch bitte unterschicht" wurde im Wiener Schauspielhaus uraufgeführt

Wien - Es ist was faul im Wiener Schauspielhaus. Von der Bühne, einer Mischung aus Turnhalle, Baustelle und projizierter Natur, dringt die Fäulnis bis in den Zuschauerraum vor. Hier nimmt Ewald Palmetshofers Stück tier. man wird doch bitte unterschicht auch seinen Ausgang. Phrasen von gewichtiger Leere aneinanderreihend, erklären fünf "Experten", soziale Verfallserscheinungen am Rand der Gesellschaft erforschen zu wollen.

Handlungsort ist somit ein verkommender Vorort. Wer nicht wegziehen kann, richtet seine Aggressionen gegen andere. Einer dieser Außenseiter ist die Kellnerin Erika (Myriam Schröder), die sich bei ihrem ehemaligen Schuldirektor (spooky: Michael Gempart) als Putzfrau ein Zubrot samt Zuwurst verdient. Mit kurzen Rückblenden wird das grausame Ereignis aus ihrer Schulzeit, das Erika mit dem Alten und ihren früheren Schulkollegen verbindet, allmählich enthüllt. Am Ende, nachdem man sich auf die Geschehnisse halbwegs einen Reim machen konnte, folgt eine von Palmetshofer geknüpfte Kette der Gewalt. Regisseurin Felicitas Brucker belässt es hier bei Andeutungen, die Details, inklusive Vagina dentata, sind selbst auszumalen.

Was letztlich aus Erika herausbricht, ist das Tier, in welches sich der seiner Würde beraubte Mensch verwandelt. Vom Viehischen ist in dem rhythmischen Text häufig die Rede. Migrierte Störenfriede werden, da sie sonst ja nichts verstehen, inbrünstig angemuht, die Wirtshausspüle könnte auch ein Viehtrog sein (Bühne: Frauke Löffel). Zwischendurch treten immer wieder die sich beständig ins Wort fallenden Experten auf, deren Blindheit für das sich hier abspielende Sozialdrama immer offensichtlicher wird, und auch der sich einer unerklärlichen Beliebtheit erfreuende Chorsingsang darf sein schreckliches Haupt erheben.

Ewald Palmetshofer hat hier einiges zu einem Brocken zusammengetragen, schwarze Komik mit sozialphilosophischem Gedöns und einem Horror, wie man ihn etwa bei Lars von Trier finden kann, verbunden. Das Ergebnis hätte sich, trotz Entschlackungspotenzials, mehr Premierenapplaus verdient gehabt. (Dorian Waller/ DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.1.2011)

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