Einwände gegen die Unbetroffenheit

21. Jänner 2011, 18:31
1 Posting

Drei Künstlerinnen mit migrantischem Hintergrund haben die Standard-Schwerpunktausgabe "Migration" in Kooperation mit der Diagonale mit ihren Interventionen gestaltet: ein Porträt von Nina Kusturica, Borjana Ventzislavova und Catalina Molina.

Borjana Ventzislavova, Catalina Molina und Nina Kusturica plädieren in ihren Arbeiten dafür, eingeübte Sichtweisen auf Migranten und deren Schicksale zu verlassen – sie selbst stammen aus Bulgarien, Argentinien und Bosnien-Herzegowina.

Wien – „Es gibt keine Diskussion!“ An diesen Satz ihres Vaters kann sich Nina Kusturica besonders gut erinnern, denn er ist in einer außergewöhnlichen Situation gefallen: „Es war das erste und einzige Mal, dass mein Vater autoritär wurde.“ Die Entscheidung war unverrückbar: Die Familie wird das vom Krieg erschütterte Sarajewo verlassen und einen der letzten Busse nach Wien nehmen. Die damals 17-Jährige wollte jedoch kein Flüchtling sein, und so brauchte es schließlich auch in Wien eine Weile, um die neuen Gegebenheiten zu akzeptieren. „Ich dachte die ersten paar Monate, wir kehren zurück“, erinnert sie sich.

Von den drei Künstlerinnen, welche die heutige STANDARD-Schwerpunktausgabe mitgestaltet haben, ist Kusturica die einzige, die eine Fluchtgeschichte zu erzählen hat. Doch auch Borjana Ventzislavova und Catalina Molina wurden nicht in Österreich geboren. Ventzislavova kam 1976 in Sofia, Bulgarien, auf die Welt, mit 19 ging sie nach Wien, um hier zu studieren – zuerst Informatik, dann in der Medienklasse von Peter Weibel an der Hochschule für angewandte Kunst. Molina, die an der Filmakademie studiert, ist am längsten in Österreich; ihre Eltern verließen Argentinien, als sie fünf Jahre alt war.

Hilfe bei Scharfschützen

Die Erfahrung, zwischen mehreren Kulturen aufzuwachsen, hat alle drei in unterschiedlichen Ausmaßen geprägt – dennoch meint keine, daraus politisches Sendungsbewusstsein ableiten zu können. Kusturica hat ihre ersten Fertigkeiten als Cutterin aus Zusammenschnitten von TV-Nachrichten aus Bosnien erworben – „Ich dachte, das muss man dokumentieren!“ – etwa Ratschläge, wie man sich bei Beschuss durch Scharfschützen verhält. (Antwort: „Drei Minuten auf dem Boden liegen bleiben.“)

Borjana Ventzislavova, die mittlerweile eine eigene Familie in Wien hat, aber über keine österreichische Staatsbürgerschaft verfügt, fühlt sich keinem Land verbundener als einem anderen. Sie arbeitet einmal in Sofia, ein andermal in Wien – „bei Angaben zu meiner Person schreibe ich auch immer beides hin“; von den bürokratischen Schikanen um Visum-Verlängerungen, mit denen sie in Österreich vor dem EU-Beitritt Bulgariens konfrontiert war, sei sie aber schon geprägt. „Auch sprachlich habe ich mir anfangs in der Angewandten schwergetan“, erzählt sie, „weil so viele österreichische Akzente gesprochen wurden.“

Catalina Molina fährt immer wieder nach Argentinien, ein Jahr lang hat sie auch in Buenos Aires studiert. In ihren Arbeiten, die vor allem narrativ ausgerichtet sind, geht sie von den Emotionen bestimmter Figuren aus – etwa in dem Kurzfilm Talleres Clandestinos (2010) („Geheime Werkstätte“), in dem sie von einer jungen bolivianischen Frau erzählt, die ihren Mann und ihr Kind zurücklassen muss, um in einem argentinischen Sweatshop zu arbeiten. „Das Entwurzelt-Sein konnte ich nachvollziehen – ich kenne auch solche engen familiären Strukturen.“

Migration, die Themenstellung des STANDARD, habe Molina schwierig gefunden, weil sie so umfassend ist – zumal für einen filmischen Beitrag in der Kürze eines Youtube-Videos. Für die Printausgabe hat sich Molina eine grafische Intervention einfallen lassen, die sich an Anzeigenformaten orientiert (siehe ALBUM). Was zunächst wie ein Inserat für eine exotische Urlaubsdestination aussieht, verändert über vier Seiten hinweg seine Ausrichtung. Kurzum: Die Anzeige verwischt, breitet sich wie Rauch auf den redaktionellen Bereich der Zeitung aus. „Willkommen in Europa“, heißt es am Ende, aber da klingt das bereits wie eine bedrohliche Warnung. Die Idee dazu geht auf Recherchen über Boat-People auf dem Mittelmeer zurück, erklärt Molina, die den Pauschaltourismus mit einer gänzlich anderen Fluchtidee konfrontiert. Nina Kusturica hat sich in ihren Arbeiten auf vielfältige Weise mit Migration und ihren politischen Implikationen beschäftigt – beginnend mit ihrem ersten Kurzfilm, Draga Ljiljana (2000), in dem sie acht Jahre nach ihrer Flucht in Bosnien nach einer Freundin von früher sucht. Ihr bislang letzter Film war der Dokumentarfilm Little Alien (2010), mit Empathie und Umsicht stellt sie sich darin an die Seite von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen und zeigt die Schikanen bei der Asylsuche in Österreich auf.

Begriffe gegen Schikanen

Bei den Vorführungen des Films – er wurde auch vielen Schülern gezeigt – fiel Kusturica vor allem der Mangel auf, mit den Schicksalen der Jugendlichen entsprechend umzugehen, dafür die passenden Begriffe zu finden. Die Fotoserie und der Film Morgen ist mein Tag für den Standard (Seite 1 bis 12) setzen dem etwas entgegen: Fallgeschichten von Migranten werden an nicht involvierte Personen wie eine Staffel weitergereicht. „Diese Geschichten mig-rieren ja auch durch uns hindurch“, sagt Kusturica, „also ließ ich Österreicher Texte von Flüchtlingen sprechen.“

Filmausschnitte, die konkrete und assoziativere Fluchtetappen zeigen, lässt sie gleichzeitig auf die sprechenden Personen projizieren. Eine vergleichbare Hervorhebung wird über die Schrift versucht, die in den Fotos rahmensprengend vergrößert wird. Die einzelnen Bestandteile der Erzählung und ihre Präsentation bricht Kusturica damit auf, der Betrachter muss sie neu zusammensetzen und auf diese Weise zu etwas Eigenem machen.

Ventzislavovas Bilder (Seite 13 bis 17 in der Printausgabe – Video siehe hier) operieren auch mit Kontrasten, die neue Bedeutungen generieren: Menschen mit migrantischem Hintergrund posieren vor Teppichen, die österreichische Institutionen wie das Parlament oder das Wiener Rathaus zeigen. Das eigentliche Setting, in dem die Bilder nur aufgespannt sind, bilden transitäre Räume, die mit Fluchtbewegungen in Verbindung stehen: Brücken, eine Autobahn, Flughafengelände. Unter den Bildern sind wie auf Zigarettenpackungen Texte angebracht, mit denen jedoch keine Warnungen, sondern politische Losungen wie etwa von „Demokratie statt Integration“ verbreitet werden. Ab 2. Februar ist die Arbeit auch in einer Ausstellung in der Galerie Bäckerstraße4 zu sehen. Ventzislavova, die ihr politisches Erweckungerlebnis in einer Kollektivarbeit mit unbegleiteten migrantischen Flüchtlingen hatte, klagt in ihrem Beitrag vielleicht am vehementesten politische Verantwortung ein. Gemeinsam mit den beiden anderen Filmemacherinnen plädiert sie im STANDARD dafür, Wahrnehmungsweisen von Menschen, die auf der Flucht sind, zu hinterfragen – und damit auch die eigene Unbetroffenheit. (Dominik Kamalzadeh/DER STANDARD, Printausgabe, 22.01.2011)

Share if you care.