Brüderliches Treffen im Totenreich

21. Jänner 2011, 18:15
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Jean-Philippe Rameaus "Castor et Pollux" im Theater an der Wien: Regisseurin Mariame Clément entwirft eine konfliktreiche Familiengeschichte, Dirigent Christophe Rousset setzt auf schlanken Drive

Wien - Das ein wenig Harmlose vieler mythenverliebter Barockopern rührt vom Umstand her, dass der Tod darin nur eine Art unfreiwilliger Urlaub vom Leben ist, den die Götter, sofern ihr Herz erweicht wird, beenden können. Hier wandert also Castor unter tränenreicher Klage ins Jenseits. Weils allerdings so selbstlos zugeht in Castor et Pollux von Jean-Philippe Rameau, da Bruder Pollux die Jenseitsstelle von Castor einnehmen will, wird Jupiter schließlich ganz zum großzügigen Gesetzesverbieger und nimmt beide in himmlischen Gefilden auf.

Im Theater an der Wien ist von der üppigen alten Götterwelt nichts zu sehen. Die französische Regisseurin Mariame Clément hat das mit glanzvollen Instrumentalnummern durchdrungene Werk (Uraufführung 1737) entharmlosend ins frühe 20. Jahrhundert überführt, wobei sich die Geschichte um eine imposante Herrenhaustreppe abzuspielen hat. Und: Eine schmerzvolle Geschichte ist es hier, deren Wurzeln weit zurück in die Kindheit der Protagonisten reichen - und dank eines schönen Kunstgriffs sieht man das auch:

Wo an sich Tanznummern vorgesehen wären, lässt Clément immer wieder - in einer Art Rückblende - weit zurückliegende Situationen ablaufen, in denen die Figuren von unschuldigen Kindern zu schwierigen, konfliktbeladenen Erwachsenen heranwachsen, die unbeschwertes Herumspielen mit (Ansprüche erhebendem) Begehren tauschen.

Die Gefühlskämpfe

Da ist das Drama der rothaarigen, am Ende entrückt-ergrauten Phébé (routiniert Anne Sofie von Otter), die Castor (eher blass und vokal nicht sehr sicher Maxim Mironov) liebt, jedoch zusehen muss, wie dieser mit Télaïre zur Vermählung rüstet, da Pollux (souverän Dietrich Henschel) seinerseits auf die Hochzeit mit Télaïre verzichtet. Da ist aber auch die schmucke Télaïre (auch mit glanzvoller Pianokultur die Bestleistung des Abends: Christiane Karg), die schon früh und verbotenerweise in den Briefen an Phébé herumstöbert.

Und da ist natürlich die brüderliche Zuneigung zwischen Castor und Pollux, die schließlich mit Altruismus das göttliche Herz erweicht. Jupiter (solide Nicolas Testé) kommt als Vielbeschäftigter aus seinem Arbeitszimmer, ist ein Familienoberhaupt, zu dem man heraufsteigen muss.

Elegant implantiert die Regie also die Hierarchien innerhalb des Milieus auch in das neue Ambiente, das nur auf den ersten Blick real anmutet. Doch sind da eine Menge rätselhafter Türen, und da ist auch jener schwebende weiße Raum, in dem Castor liegt und an dessen Wänden man mit filmischen Mitteln die Assoziationswelt Castors abbildet. Elysium und Unterwelt werden zu szenisch sich materialisierenden Fantasien der Figuren.

Der schlanke Klang

Natürlich hat der Abend ein paar kleine Längen. Allerdings dominieren letztlich Stringenz und dramaturgische Eleganz. Und wenn dann in jenen Passagen, da sich die Figuren in ihre Jugend "zurückbegeben", die Instrumentalmusik in den Vordergrund rückt, entfalten Szene und Orchesterarbeit durch ihre Verflechtung starke Sogwirkung.

Die Talens Lyriques unter Dirigent Christophe Rousset sind dabei Meister des schlanken, tänzerischen Sounds, wodurch die Notenarchitektur höchst dynamisch Wirkung entfaltet. Es ist natürlich eher ein sprechender, weniger ein singender ästhetischer Zugang, den das Ensemble bevorzugt. Er wirkt knapp, prägnant und im Poetischen dann auch etwas dünn. Zweifellos aber kommt die meisterliche Handschrift von Jean-Philippe Rameau jederzeit impulsiv zur Geltung. Dem Applauspegel nach zu schließen, dürfte es das Auditorium ähnlich empfunden haben. (Ljubisa Tosic/ DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.1.2011)

Weitere Aufführungen am 22., 24., 26., 28. und 30. Jänner, 19.00

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    Castor wurde niedergestreckt - doch der Tod ist nicht das Ende: In "Castor et Pollux" gibt es ja noch den hilfreichen Jupiter.

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