Was eine halbe Terz ausmacht

21. Jänner 2011, 18:11
5 Postings

Dass Bundes- und Vizekanzler bei ihrer erweiterten Stehpressekonferenz in der Hofburg aus Anlass des Jahreswechsels das Ideal koalitionärer Gemeinsamkeit verkörpern wollten ...

Dass Bundes- und Vizekanzler bei ihrer erweiterten Stehpressekonferenz in der Hofburg aus Anlass des Jahreswechsels das Ideal koalitionärer Gemeinsamkeit verkörpern wollten, ist in den Medien zwar mit einiger Skepsis aufgenommen, insgesamt aber ganz gut verstanden worden. Ebenso wie die Zahl der vor Ort von diesem Ideal Ergriffenen in der Berichterstattung zwischen 1400 in der regierungsamtlichen "Wiener Zeitung" und 1600 in der regierungskritischen "Presse" angegeben war - "Kurier" und "Österreich" lagen mit 1500 dazwischen, DER STANDARD hat wieder einmal nicht mitgezählt -, setzten die Blätter auch inhaltlich unterschiedliche Schwerpunkte.

"Kurier" und "Wiener Zeitung" etwa betonten den atmosphärisch-sportlichen Aspekt. So berichtete letztere unter dem Titel Schwamm drüber und jetzt hoppauf: Prachtvoll war nur das Ambiente des Festsaals. Spartanisch wie die Inszenierung - auf Musik, Nebenprogramm und Moderator wurde verzichtet - fielen auch die inhaltlichen Ansagen von Faymann und Pröll aus. Denn nach gestoppten 21 Minuten waren die Reden der beiden Regierungsspitzen auch schon wieder vorbei. Bei kleinen Snacks und Getränken wollte sich die versammelte Regierungsmannschaft zum Small Talk unter die Gäste mischen.

Dort wäre sie auf eine ergriffene Theaterdirektorin Kathrin Zechner gestoßen, von der sich der "Kurier" sagen ließ, wie sie mit geschultem Auge die darstellerischen Qualitäten der beiden Spitzenpolitiker erkennt, nämlich so: "Mit gezielt gesetzten rhetorischen Bausteinen haben sie authentisch Gemeinsamkeit vermittelt. Sie haben immer wieder aufeinander Bezug genommen und keine bloße Abfolge von Reden geliefert. Das gab einem das Gefühl, dass sie es ehrlich meinen." Da gilt sie noch, die koalitionäre Unschuldsvermutung.

"Gemeinsamkeit, die ich mir schon lange wünsche", erkannte auch das geschulte Auge des Bundespräsidenten, wenn auch die intensivere Schulung des Präsidentenauges im Besitzer das Gefühl, dass sie es ehrlich meinen, ein wenig dämpfte. Fischer: "Die Regierung hat sich positioniert, und jetzt muss sie auch liefern. Da ist jetzt eine Latte gelegt, und da muss sie drüberspringen."

Andere Blätter betonten die Wandlung des Bundeskanzlers. Die Profis horchen auf. Die Stimme liege "eine halbe Terz tiefer", sagt Thomas Mohr, Anchorman der "Austria Top-News" zur "Kleinen Zeitung". Er sagte zwar nicht dazu, seit wann, sodass man ihn nur für sein absolutes Gehör und nicht auch für sein musikalisches Langzeitgedächtnis bewundern kann. Vielleicht hilft da Politikberater Thomas Hofer aus, der bemerkt, "dass er an sich gearbeitet hat, Medien- und Redetraining genossen haben muss. Der Unterschied zu seiner Rede zur Lage der Nation vor eineinviertel Jahren ist eklatant" - kein Wunder, bei einer halben Terz tiefer! Da dämmerte einem anderen Zuhörer - weder rot noch schwarz: "Erstmals ist klar, wer hier der Kanzler ist."

Faymann neu hatte es auch der "Presse" angetan. Da war von des Kanzlers neuen Kleidern die Rede, und überhaupt ließ sie den Streit der Fachleute um den neuen Werner Faymann heftig wogen. Nein, er wisse auch nicht, wer der Coach Faymanns ist, sagte Thomas Hofer, von Journalisten gerne zitierter Experte für politische Inszenierung, wenn die eigene Beobachtungsgabe nicht ausreicht. Wie könnte er auch wissen, wer der Coach Faymanns ist, wo doch dessen neuer Pressesprecher vehement bestreitet. Faymann habe kein Training bekommen, sei völlig authentisch und schon längere Zeit angriffig. Und in der Partei verweist man auf das gestärkte Selbstvertrauen, das sich bemerkbar mache - etwa in der halben Terz tiefer.

Bloß die "Kronen Zeitung" demonstrierte wieder einmal, dass sie das Inseratengeld wert ist, das die SPÖ in sie investiert. Faymann & Pröll luden in die Hofburg: Koalition feiert mit Schlemmer-Buffet, wühlte sie im Aufmacher ihre Leser auf, und weil es sich so ruchlos las, im Blattinneren gleich noch einmal: Regierung feierte mit Schlemmer-Buffet. Klein am Ende des Berichts reduzierte es sich dann auf ein Schlemmerbuffet österreichischer Prägung: Gereicht wurden Spinat-Bauerntopfen-Golatschen, Kipferln mit Schinken, Schaumrollen mit Räucherlachs, Schnitzel- und Leberkäsesemmeln, Schinkenfleckerln, Käsespätzle, Mineral, Wein, Bier und Törtchen. Da konnte man wieder einmal sehen, wer als einziges Blatt korrekt und vollständig berichtet. Doch kein Wort von des Kanzlers tieferer Terz - das schmerzt! (Günter Traxler, DER STANDARD; Printausgabe, 22./23.1.2011)

Share if you care.