"Nichtkauf: Leser können Zeichen setzen"

21. Jänner 2011, 18:03
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Mittwoch präsentiert sich Österreichs neuer Presserat - Medienwissenschafterin Irene Neverla erklärt, warum dieser Tiger keine Zähne braucht, der ORF versagt und Journalismus Zukunft hat

STANDARD: Österreichs Zeitungs- und Magazinbranche kam acht Jahre ohne Presserat aus - wozu braucht es eigentlich ein solches Selbstkontrollorgan der Medien?

Neverla: Pressefreiheit ist ein hoch sensibles Gut. Es reicht nicht, sie in der Verfassung zu deklarieren, sie muss täglich erarbeitet und dauerhaft bewahrt werden. Die Wiedereinrichtung des Presserats ist mehr als überfällig. Der Presserat gehört zu den außerredaktionellen Instrumenten zum Schutz der Pressefreiheit. Daneben bedarf es weiterer Instrumente der Qualitätssicherung, angefangen bei innerredaktionellen Leitbildern und Blattkritiken über einen kritischen Medienjournalismus bis hin zur qualifizierten Ausbildungs- und Fortbildung an Journalistenschulen, Hochschulen und Akademien. Nicht zuletzt bietet auch die Medienforschung die Option, die journalistischen und verlegerischen Leistungen auf ihre Qualität hin zu prüfen.

STANDARD:  Sie kommen aus Österreich, unterrichten in Hamburg, kennen die Medienlandschaften insbesondere dieser beiden Länder gut: Glauben Sie, wäre es in Deutschland möglich, dass das Selbstkontrollorgan der Presse sich so auflöst wie 2002 in Österreich - und warum/warum nicht?

Neverla: Hätte ich bis vor kurzem in Deutschland nicht für möglich gehalten. Aber nach der Rücktrittswelle in Deutschland 2010 vielleicht doch - von der Evangelischen Bischöfin Käßmann über den Bundesbanker Sarrazin bis zum Bundespräsidenten Köhler. Im Ernst, eine Auflösung des Presserates in Deutschland wäre extrem unwahrscheinlich. In Deutschland hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Diskurskultur auf vielen Feldern entwickelt und etabliert, auch im Pressewesen. Unterstützt wird das auch dadurch, dass die Presselandschaft in Deutschland vielfältig gegliedert ist. Neben den ‚big players' - wie dem Axel Springer Verlag, Gruner+Jahr, Holtzbrinck, dem WAZ-Konzern - gibt es doch viele relativ prosperierende Regionalblätter.

STANDARD:  Was sind für Sie, vielleicht abgesehen von der Größe, die markantesten Unterschiede in den Medienszenen der beiden Länder?

Neverla: Die Größe spielt wirklich eine wichtige Rolle. In einem kleinen Land kommt es schnell zu Vermachtungen durch die dichten Netzwerke - jeder kennt jeden und eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Ansonsten: Österreich hat eine extrem hohe Pressekonzentration durch die Monopolstellung der „Krone". Der regionale Zeitungsmarkt wird kaum durch den regionalen Werbemarkt getragen, das untergräbt letztlich den Journalismus, weil Werbung und Public Relations auf grauen Wegen Einfluss nehmen. Der ORF versagt zunehmend als nationales und qualitätsprägendes Leitmedium, jedenfalls auf dem Fernsehsektor. Hier schlägt die Vermachtung zwischen Politik und Medium am offensichtlichsten zu.

Und last not least liegt die Journalistenausbildung und Fortbildung in Österreich chronisch im Argen. In Deutschland gibt es mittlerweile ein reiches Netzwerk an betrieblichen und hochschulgebundenen Ausbildungswegen entfaltet: Volontariate sind seit 1990 tarifvertraglich geregelt, dauern zwei Jahre und müssen auch überbetriebliche Volontariatskurse umfassen. Daneben gibt es gibt praxisorientierte Journalistik-Studiengänge an Universitäten und Fachhochschulen; die großen Medienunternehmen wie Springer oder die Süddeutsche Zeitung führen seit Jahrzehnten eigene Journalistenschulen; die ARD-Sender haben ausgefeilte zweijährige Volontariatsprogramme entwickelt; die Hamburger Akademie für Publizistik, getragen von Verlegern und Journalistenverbänden, bietet überbetriebliche Aus- und Fortbildungskurse an. Im Ergebnis ist es so, dass in Deutschland rund 60 Prozent ein Volontariat durchlaufen haben. Und fast 70 Prozent der Journalisten in Deutschland verfügen über ein abgeschlossenes Studium, gegenüber Österreich mit 34 Prozent. Je höher und strukturierter der formale Bildungs- und Berufsabschluss, umso besser die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sei es im Journalismus oder alternativ in Nachbarfeldern. Das stärkt die innere Unabhängigkeit und schützt vor Selbstzensur.

STANDARD:  Wenn es ein solches Selbstkontrollorgan der Medien bzw. der Presse braucht - wie müsste sie idealerweise aussehen, was müsste sie können, was müsste sie abdecken?

Neverla: Dem Presserat als Selbstkontrollorgan wird oft vorgeworfen, er sei ein zahnloser Tiger, weil er über keine wirklichen Sanktionsmöglichkeiten verfügt. Aber auch zahnlose Tiger können mit Krallen und Körpergewicht Wirkung erzielen. Ein Presserat dient als Institution zur Selbstverständigung darüber, welche journalistischen Praktiken richtig und angemessen sind, vor allem in den vielen Fällen, in denen weder Mediengesetz noch Strafrecht greifen würden. Durch die Debatten und Entscheidungen des Presserats entsteht Transparenz und Öffentlichkeit und eine gewisse normative Übereinkunft für Journalisten und Verleger, was geht und was nicht. So entsteht langfristig ein Prozess der Qualitätsprüfung und Qualitätssicherung, an den die Profis selbst mitwirken, und der für die Öffentlichkeit nachvollziehbar ist.

STANDARD:  Die härteste Sanktion, die Presseräte erteilen können, ist meist die Veröffentlichung der Entscheidungen über ein Medium in diesem Medium - und selbst daran halten sich nicht alle. Braucht ein Presserat schärfere Instrumente?

Neverla: Nein, das würde dem Geist der Selbstkontrolle widersprechen. Aber man kann natürlich das Hauptinstrument - das Prinzip Öffentlichkeit - auch anders zur Anwendung bringen. Der Presserat selbst, und die ihn tragenden Verleger- und Journalistenverbände können auf vielen Wegen zur Publizität seiner Entscheidungen beitragen. Wir alle, als Mitglieder der Zivilgesellschaft, als Leser und Hörer und Nutzer der Medien, können Zeichen setzen, durch Debatten, durch Kauf oder Nichtkauf, durch Protestaktionen.

STANDARD:  Welchen Sinn hat ein Presserat, wenn sich einzelne Medien, und meist nicht die harmlosesten, seinen Verfahren nicht unterwerfen?

Neverla: Diejenigen Verlage, die meinen, sie könnten sich da raushalten, stehen unter Legitimationsdruck, denn es gibt einfach keine glaubwürdigen Gründe, sich dem Presserat als Selbstkontrollorgan zu entziehen. Es sei denn, man versteht sich als pures Wirtschaftsunternehmen - dann darf man aber auch nicht journalistische Privilegien wie Informantenschutz oder Geld aus der Presseförderung in Anspruch nehmen.

STANDARD:  Sie sprechen kommende Woche bei der Auftaktveranstaltung des neuen österreichischen Presserats. Können Sie uns schon verraten oder andeuten, warum laut Ihrem Teaser der Journalismus "noch lange munter am Leben bleiben wird", obwohl er ökonomischem wie politischem Druck, Onlinekonkurrenz und Selbstzensur ausgesetzt ist?

Neverla: In den vergangenen Jahrzehnten wurden mit jedem neuem Technikschub Beerdigungslieder auf den Journalismus angestimmt. Neuerdings heisst es wieder, in Zeiten von Blogs und Twitter und Fotohandys würde der Journalismus überflüssig. Das ist Unsinn. In einer modernen, hoch komplexen und arbeitsteiligen Gesellschaft braucht es den professionellen Journalismus - eine soziale Institution die für uns alle vorsortiert, was an wichtigen Themen läuft, was wir dazu wissen und was wir entscheiden müssen, individuell und als Gesellschaft. Die Frage ist nicht: Braucht es Journalismus? Sondern: Wie gut kann Journalismus diese Aufgabe erfüllen? Das müssen wir immer wieder prüfen und für diese Qualitätssicherung ist jeder Beitrag wichtig. (Harald Fidler, DER STANDARD; Printausgabe, 22./23.1.2011)

IRENE NEVERLA ist seit 1992 Professorin für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Hamburg.

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Presserat

  •  Medienwissenschafterin Irene Neverla
    foto: privat

     Medienwissenschafterin Irene Neverla

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