Alteuropäische Migrationsmuster, neue Integrationsprobleme

21. Jänner 2011, 18:53
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Die Migranten von einst hatten bessere Voraussetzungen zur Eingliederung in den österreichischen Alltag

"Traurig ist es anzusehen, wie es den böhmischen Lehrlingen in Wien geht. Arme Eltern schicken den Sohn, sobald nur irgendwie möglich, ja oft ohne allen genossenen Religionsunterricht nach Wien, um mit ihm einer Sorge ledig zu werden. Hier erwarten den Burschen einige Leidensjahre. Der Meister, die Meisterin und die Gesellen üben ihre Herrschaft an ihm aus, und was bekommt er dafür als Entgelt? Man lehrt ihm öfters dafür kein Handwerk, sondern allen Schmutz eines unordentlichen Lebens." So beurteilte 1854 ein Kritiker die Situation der tschechischen Jugendlichen im Wiener Handwerk.

Der Nachkomme einer Zuwandererfamilie berichtet über konkrete Erfahrungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts: "Mein böhmischer Onkel, Stanislaus Koubek, ist 1910 als 14- bis 15-jähriger Bub aus Mähren barfuß nach Wien gekommen, so hat er es mir erzählt, und hat hier als Tischlerlehrling gelebt und die meisten Jahre der Lehrlingszeit in der Werkstatt geschlafen, in einer Lade, in die man Holzscharten hineingetan hat."

Die beiden Zitate sprechen in zweierlei Hinsicht historische Migrationsmuster an, die deutlich zu solchen der Gegenwart kontrastieren. Zunächst thematisieren sie den Gesindedienst. Diese Institution hat ein Jahrtausend hindurch in der alteuropäischen Gesellschaft einen entscheidenden Kontext von Migration dargestellt. Heute ist sie vollkommen verschwunden. Dann geht es um die Bewältigung von räumlicher Distanz. Für Formen der Migration sowie für das Problem der Integration von Migranten haben sich diesbezüglich seither sehr grundsätzliche Veränderungen ergeben.

Die historische Institution des Gesindediensts umfasste vielfältige Formen - den hier erwähnten Dienst von Lehrlingen und Gesellen im Handwerk, den Dienst von Knechten und Mägden auf Bauernhöfen, von Dienstmädchen in bürgerlichen Haushalten bis hin zu Diensten an Adels- und Fürstenhöfen. Ihnen allen war gemeinsam, dass Jugendliche ihr Elternhaus verließen, um Dienst in fremdem Haus zu leisten. Sie erhielten dort Kost und Quartier und waren für die Dauer ihres Verbleibs Mitglieder der jeweiligen Hausgemeinschaft.

Existenzielle Sicherheit

Wie die einleitenden Zitate zeigen, darf dabei nicht immer an ein familienhaftes Verhältnis im heutigen Verständnis des Wortes gedacht werden. Im Prinzip bedeutete Gesindedienst jedoch existenzielle Sicherheit. Zugleich bewirkte er auch soziale Integration der Zugewanderten. So schwierig es im System des Gesindediensts für viele Betroffenen gewesen sein mag, sich an ihre Umgebung anzugleichen - manche Integrationsprobleme heutiger Migranten stellten sich für sie nicht. Die Eingliederung von Hunderttausenden von Zuwanderern aus Böhmen in die Wiener Bevölkerung veranschaulicht den Unterschied.

Die Institution des Gesindediensts war ein typisch europä-isches Phänomen. Sie begegnet uns in historischen Zeiten von England bis an die Adria, von der Iberischen Halbinsel bis nach Skandinavien - also in jenem Großraum, den man seiner kulturellen Prägung nach als "Lateineuropa" bezeichnen kann. Im Osten und im Südosten des Kontinents fehlt sie. Auch in den benachbarten Regionen des Orients findet sie sich nicht. Das hat mit Unterschieden in der Familienverfassung zu tun. Wo patrilineare Abstammungsbeziehungen dominieren, dort ist die Aufnahme von nichtverwandten Personen in die Hausgemeinschaft schwierig. Gesindedienst setzt abgeschwächte Abstammungs- und Verwandtschaftsbeziehungen voraus.

Bei Personen, die Gesindedienst leisteten, handelte es sich prinzipiell um ledige Jugendliche. Von wenigen Ausnahmen abgesehen war Heirat mit Dienst in fremdem Haus unvereinbar. Das relativ hohe Heiratsalter in europä-ischen Kulturen der Vergangenheit - das sogenannte "European marriage pattern" - erscheint sehr maßgeblich durch die lange Dauer des Gesindediensts mit zumeist wechselnden Stationen bedingt. Gesindewanderung war also stets individuelle Wanderung, nie Familienmigration. Auch darin liegt ein wesentlicher Unterschied zu Verhältnissen der Moderne.

Durch den Gesindedienst bedingt war im historischen Kulturraum Europa im Vergleich zu Nachbarregionen ein relativ hohes Maß an regionaler Mobilität gegeben. Gemessen an den Migrationsdistanzen der Gegenwart handelte es sich jedoch überwiegend um Nahwanderung. Von den verschiedenen Gesindetypen kamen die Handwerksgesellen am weitesten herum. Ihr Wanderweg führte gelegentlich quer durch Mitteleuropa. In der Regel wurden auch große räumliche Distanzen zu Fuß zurückgelegt.

Der böhmische Schusterlehrling, der 1910 per pedes nach Wien kam, war damals allerdings schon eine Ausnahme. Mit der Ausgestaltung des europäischen Eisenbahnnetzes wurde die Grundlage für immer weiter ausgreifende Migrationssysteme gelegt. Im 20. Jahrhundert kam das Flugzeug hinzu. Die verkehrstechnischen Voraussetzungen ermöglichten internationale bzw. interkontinentale Wanderbewegungen. Zuwanderung führte nun im Alltagsleben zur Begegnung mit bisher weitgehend fremden Kulturen - aus dem Balkanraum, aus dem Orient, aus Ostasien, aus Afrika. Der katholische Lehrling aus Böhmen hatte - von der Sprache abgesehen - mit seiner Umgebung in Wien viele kulturelle Gemeinsamkeiten. Für den serbischen Bauarbeiter, den türkischen Greißler, den ägyptischen Zeitungskolporteur galt das nicht ohne weiteres. Religiöse Unterschiede wirken tief in die Alltagskultur hinein. So stellen sich mit der Fernwanderung nach Wien in den letzten dreißig, vierzig Jahren neue Probleme der Integration, die es zu bewältigen gilt. (Michael Mitterauer/DER STANDARD, Printausgabe, 22./23. 1. 2011)


MICHAEL MITTERAUER (73), österreichischer Wirtschafts- und Sozialhistoriker. Er schrieb das Standardwerk: "Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs".

  • Wirtschafts- und Sozialhistoriker Michael Mitterauer.
    foto: privat

    Wirtschafts- und Sozialhistoriker Michael Mitterauer.

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