Wenn Roma deutsche Kirchenlieder singen

21. Jänner 2011, 17:52
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Die Deutschen sind fast verschwunden, an ihre Stelle treten mehr und mehr die Roma

Ethnische Endzeitstimmung und multikultureller Neuanfang im rumänischen Siebenbürgen.

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Sibiu (Hermannstadt) - "Hierher führt nur der Zufall, was?", empfängt uns ein Dorfbewohner bei der Einfahrt nach Uila, als ich nach dem Weg zur Kirchenburg frage. Uila, Weilau, Vajola. Das kleine nordsiebenbürgische Dorf hat Namen in drei Sprachen - Rumänisch, Deutsch und Ungarisch - die ähnlich klingen. Doch abgesehen von der Ortstafel ist dem Dorf viel von seiner einstigen Vielsprachigkeit und Multikulturalität abhanden gekommen.

Juden gibt es keine mehr. Die "Heimattreffen" der deutschen Weilauer finden im bayerischen Fürth statt - wie so viele der Siebenbürger Sachsen sind auch sie schon längst nach Deutschland ausgewandert. Ihre Häuser - und die lutherisch-evangelische Kirche - besiedeln nun die Rumänisch oder Deutsch sprechenden Roma. In der Kirche singen sie deutsche Lieder und fühlen sich der deutschen Kultur über die Sprache verbunden.

Doch auch viele der Roma sind in den letzten Jahren hier weggezogen, mit Vorliebe nach Spanien oder Italien. Waren es anfangs die ethnischen Minderheiten, die abzogen, folgten später die Handwerker und Hilfsarbeiter, die sich im Ausland für ein Vielfaches ihres rumänischen Lohns verdingten. Nun sind es auch die Hochqualifizierten - von den 400.000 Rumänen, die laut Medienberichten allein 2010 offiziell im Ausland arbeiteten, sind rund 2500 Ärzte.

"Na und, wenn es zu Ende geht, dann sterben wir halt aus" sagt uns lakonisch eine alte Sächsin, deren Familie über 800 Jahre hier lebte. Die Geschichte des "Sachsenvolks" in Siebenbürgen ist eingerahmt von Auswanderungswellen: Mitte des 12. Jahrhunderts wurden sie, aus dem Rhein-Mosel-Gebiet kommend, hier angesiedelt, ihre Privilegien durch einen "Goldenen Freibrief" des Königs Andreas II. gesichert.

Nachdem die Nazizeit die "Auslandsdeutschen" die Hand zum Hitlergruß hatte erheben lassen, nachdem sie infolge des Seitenwechsels Rumäniens im Zweiten Weltkrieg in Arbeitslager nach Russland deportiert worden waren, verkaufte sie der kommunistische Diktator Nicolae Ceauºescu ab den 1970er-Jahren für Devisen an die Bundesrepublik Deutschland. Ganze Volksgruppen wurden zu Opfern und Tätern gleichzeitig, und die sächsischen Frauen, die die russischen Arbeitslager überlebten, kehrten um 1950 in ein kommunistisches Rumänien zurück, in dem die Häuser ihrer Familien konfisziert und an rumänische Parteikader vergeben worden waren, in dem sie bei jenen dienen mussten, die vorher bei ihnen gedient hatten.

So wurden die Sachsen teils zu einem Dinosauriervolk, das die historische Eiszeit der Totalitarismen kulturell nicht überdauern konnte. Lebten 1930 noch 300.000 Deutsche in Siebenbürgen, sind es heute weniger als 15.000. Einige Dörfer und vor allem die "deutsche Hauptstadt Rumäniens" und europäische Kulturhauptstadt 2007, Sibiu/Hermannstadt, lassen dennoch die Hoffnung auf eine kulturelle Wiederbelebung wach werden. Mit europäischen Geldern versucht man mit vielversprechenden Erfolgen, die Kulturlandschaft der östlich von Hermannstadt gelegenen "Mikroregion Harbach/Hartibaciu" wieder zu beleben. Aber groß angelegte, EU-finanzierte Initiativen wie das im Herbst 2010 gestartete Projekt zur Restaurierung von 18 siebenbürgischen Kirchenburgen sind zukunftsweisende Anzeichen.

Die Roma, die die alten sächsischen Häuser und Kirchen jetzt bewohnen, können die untergehende Kultur der Siebenbürger Sachsen weder museal erhalten noch emotional übernehmen. Aber sie können - wenn man sie lässt - im kulturellen Klima der EU und abseits vom "Dracula-Tourismus" dazu beitragen, dass sie nicht vergessen wird. (von Laura Balomiri und Gerald Igor Hauzenberger /DER STANDARD, Printausgabe, 22.1.2011)

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