Die systematische Erzeugung von Untertanen

21. Jänner 2011, 18:50
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Bevölkerungswissenschafter Rainer Münz unterscheidet Phasen der Migrations- und Ansiedlungsstrategien vom 16. Jahrhundert bis zur Zwischenkriegszeit

Standard: Welche Perioden kann man bei den Siedlungs- und Migrationsphänomenen im Habsburgerreich unterscheiden?

Münz: Das erste Stichwort sind die Kroaten in den Zeiten der osmanischen Expansion. Als die Türken vorgerückt sind, in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, haben die Eszterházys und andere ungarische Feudalherren ihr Vieh und ihre Untertanen - was sie ungefähr für das Gleiche gehalten haben - zusammengepackt und nach Norden getrieben; ihre Schlösser konnten sie nicht mitnehmen. Darum gibt es heute noch von Ho- henau an der March bis nach Zentralungarn kroatische Siedlungen. Diese Umsiedlung wurde vom Feudalsystem organisiert und nicht von einer Zentralmacht.

Standard: Bis 1683, zur zweiten Belagerung Wiens, sind die Türken vorgerückt. Was geschah bei ihrem Rückzug?

Münz: Es ging damals nicht um "Lebensraum", sondern das waren Großmächte, die noch größer werden wollten. Die Türken waren ursprünglich Reitervölker aus Zentralasien, die Land nahmen und sich Untertanen gemacht haben, und das türkische Reich hatte lange Zeit eine Mehrheit christlicher Untertanen. Jedenfalls sind die Habsburger nach dem Entsatz Wiens wieder vorgerückt, ab 1683 bis ca. 1720. Da gab es massive Geländegewinne. Und sie hatten eine Siedlungspolitik für die Serben, die vor den Osmanen geflüchtet waren: Sie wurden in den eroberten Gebieten angesiedelt mit dem Versprechen, dass sie unter den habsburgischen Regimentern Steuerfreiheit haben würden und keine Feudalherren. Dafür mussten sie aber die Söhne zum Militär abstellen. Man hatte die Vorstellung, dass die Gebiete, wenn sie besiedelt sind, leichter zu verteidigen sind.

Standard: Das war die "Militärgrenze" zwischen dem osmanischen und dem Habsburgerreich.

Münz: Ja. Sie ging von Split und Dubrovnik um das heutige Bosnien herum, quer durch Serbien, an der Donau entlang, durch Rumänien: Die Walachei und Moldau waren türkisch, Siebenbürgen gehörte zu Österreich. Die siedlungspolitische Bedeutung konzentrierte sich rund um das muslimische Bosnien. Darum haben ja bis vor circa 15 Jahren in der kroatischen Krajina (das heißt "Grenze") Serben gelebt - bis sie unter Tudjman vertrieben wurden.

Standard: Was änderte sich im 18. Jahrhundert?

Münz: Das nächste Stichwort ist Maria Theresia. In ihrer Zeit wurde die Ansiedlung von Menschen unter merkantil-ökonomischen Gesichtspunkten zu einem Thema: "Peuplieren" - davon kommt ja das Wort "Bevölkerung" als Aktivität: die systematische Erzeugung einer Untertanenschaft. Der Staat brauchte Untertanen, Steuerzahler, Soldaten, je mehr, umso besser. Das kippte später, weil man ab ungefähr 1800 die malthusianische Debatte hatte. Malthus (1766-1834) sagte, die Bevölkerungszunahme sei problematisch, weil es immer von den Falschen zu viele gebe. Und je mehr es gebe, umso weniger könne man sie ernähren, und das ziehe Staat und Gesellschaft hinunter.

Standard: Was sagt der Bevölkerungswissenschafter heute zu diesem Ansatz?

Münz: Also wenn Malthus recht gehabt hätte, wäre die Menschheit längst verhungert und nicht von einer auf sieben Milliarden angewachsen. Insofern stimmt etwas an dem Argument nicht. Aber die ganze Population-Planning-Bewegung, die in den 1950ern und -60ern in den USA so beliebt war, war auch von der Vorstellung inspiriert, dass von den falschen Menschen zu viele da sind. Das ist eigentlich immer das Thema solcher Planungen, bei allen Einwanderungsdebatten. Es gibt immer bevölkerungsoptimistische und -pessimistische Traditionen in der Ideengeschichte, die sind beide extrem übertrieben. Der Shift jedenfalls im Denken - Richtung: mehr Menschen, mehr Untertanen - wird zur systematischen Idee im Kameralismus (einer Variante des Merkantilismus, die hauptsächlich Landwirtschaft und Bevölkerungswachstum als Anliegen hatte). Dass Menschen einen Reichtum darstellen, das setzt sich in der Staatskunde als neues Paradigma durch.

Standard: Mit welchen Konsequenzen?

Münz: Dass man versucht hat, möglichst viele Einwohner zu bekommen. Es kam eine Debatte in Gang, ob Heiratsverbote sinnvoll sind. In der alteuropäischen Gesellschaft hatte man ja die Zahl der Untertanen dadurch beschränkt, dass man den Habenichtsen verboten hat, sich fortzupflanzen. Das gesamte Gesinde eines Hofstaates hatte früher keine Kinder, jedenfalls keine ehelichen. Zu theresianischen Zeiten selbst hat die Lockerung bzw. Aufhebung des Heiratsverbots noch keine Konsequenzen gehabt, die Ansiedlungspolitik jedoch schon.

Standard: Nämlich welche?

Münz: Man hat in die Batschka (Teil der Wojwodina, heute Serbien) Siedler geholt, die Donauschwaben. Die kamen zum Teil wirklich die Donau herunter, und viele haben wohl in Städten wie Ulm die Schiffe bestiegen. Man hat Leute unter anderem aus Gegenden in Deutschland geholt, die arm waren. Denen hat man das Blaue vom Himmel versprochen. So wurden später auch Kolonisten für Amerika geholt, wie es Martin Pollack in seinem neuen Buch, Der Kaiser von Amerika, beschreibt. Zu Maria Theresias Zeiten waren halt keine großen Schiffslinien im Spiel, es war nicht so kommerzialisiert. Aber es sind auch Werber herumgezogen, die etwa für Siebenbürgen getrommelt haben. Es sind damals auch immer wieder Landstriche durch lokale Katastrophen entvölkert worden, durch Krankheiten, Hungersnöte. Da gab es Bedarf an Ansiedlungen.

Standard: Mit welchen Argumenten lockte man Menschen an?

Münz: Man holte Leute, die bestimmte Fähigkeiten hatten, und baute mit ihnen erste Industrien auf. Zum Teil war der Merkantilismus eine frühe staatliche Wirtschaftspolitik. Aber die Basismethode war: Da ist eine bestimmte Gegend, da könnte mehr landwirtschaftliche Produktion sein, man soll Bauern herbringen.

Standard: Gab es andere Ziele der habsburgischen Siedlungspolitik im 18. Jahrhundert?

Münz: Es gab religiöse Gründe. Man hat aus den deutschsprachigen Alpenländern Protestanten, die sogenannten Landler aus Kärnten, Oberösterreich und der Steiermark, in Siedlungsgebiete geschickt, unter dem Motto: Hier stören sie die Homogenität, aber in Rumänien ist ein Deutsch sprechender Protestant allemal besser als ein heißblütiger Einheimischer, und er kann was Nützliches machen, zum Beispiel Getreide produzieren.

Standard: Wie lange hat diese Politik gehalten?

Münz: Im 19. Jahrhundert weicht sie einer Liberalisierung. Es war keine systematische Ansiedlung mehr, sondern der Ausbau von Wien und anderen Groß- und Industriestädten hat den Zuzug bewirkt. Früher hatten die Feudaluntertanen ja nicht einfach wegziehen dürfen, es hatte Auswanderungsverbote gegeben. Nun aber waren die Mobilitätsbeschränkungen aufgehoben, die Bauern konnten aufbrechen, meist allerdings erst nach hohen Ablösen, in der Blütezeit des Liberalismus sogar in andere Länder. Wenn man sich Passagierlisten der Schiffe nach Amerika ansieht, stellt man fest, dass um 1900 Österreich-Ungarn das wichtigste Herkunftsland darstellte, vor allem wegen der Bewohner Galiziens.

Standard: Was geschah dann?

Münz: Es wurde überall wieder re-striktiver. Die USA ließen nicht mehr jeden kommen, es gab verstärkte Personenkontrollen: früher im Feudalsystem und jetzt durch die Mechanismen des Sozialstaates und durch das internationale System der Reisekontrollen.

Standard: Hat es, zusätzlich zu den bisher genannten, weitere relevante Migrationsströme innerhalb der Monarchie gegeben?

Münz: Es gab sie, und sie sind dort stärker aufgefallen, wo die Leute eine andere Sprache hatten - also zum Beispiel Menschen aus Oberitalien in Vorarlberg.

Standard: In den Zwischenkriegsjahren gab es aber noch Auswanderungswellen.

Münz: Nur noch vereinzelt. Es hat in den Dreißigerjahren einen Versuch gegeben, österreichische Bauern in Lateinamerika anzusiedeln, das hat die Regierung gesponsert und ihnen die Schiffspassagen gezahlt. Erfolgreich war es nicht.

Standard: Und das Burgenland?

Münz: Das ging nach dem Ersten Weltkrieg weiter. Es hatte damit zu tun, dass es der einzige Teil der Republik Österreich war, den eine starke Tradition mit Brückenköpfen in der Neuen Welt verband. Aber die Auswanderung ebbte ab - nach 1924 konnte man praktisch nicht mehr in die USA einwandern, und mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 kam die einzige Phase in der US-Geschichte, in der es mehr Aus- als Einwanderung gab.

Standard: Viele sind also rückgewandert.

Münz: Ja. Der burgenländische Wirtschaftsminister Robert Graf wurde 1929 in New York geboren, 1935 ist die Familie nach Österreich zurückgekehrt. Und in Kittsee gibt es einen Ortsteil, der Chicago heißt: Dort leben Rückwanderer aus Chicago, Michigan. (Michael Freund/DER STANDARD, Printausgabe, 22./23. 1. 2011)


Rainer Münz leitet die Forschungsabteilung der Erste Group Bank AG. Der Bevölkerungswissenschafter und Autor zahlreicher Fachbücher ist Senior Fellow am Hamburger Weltwirtschaftsinstitut und unterrichtet an der Universität St. Gallen. Er ist Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Beiräte, bis 2010 gehörte er dem Rat der Weisen der EU an.

  • Rainer Münz: "In der Staatskunde setzte sich als Paradigma durch, dass Menschen einen Reichtum darstellen."
    foto: benedikt loebell

    Rainer Münz: "In der Staatskunde setzte sich als Paradigma durch, dass Menschen einen Reichtum darstellen."

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