"Ein Migrant will dorthin, wo er was leisten kann"

21. Jänner 2011, 17:37
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Der malaysisch-britische Romancier Tash Aw analysiert im STANDARD-Interview die innerasiatische Migration und die Anziehungskraft Europas und Chinas

Sebastian Borger fragte.

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STANDARD: Sie sind in Taiwan geboren, als Sohn chinesischer Einwanderer in Malaysia aufgewachsen und leben seit 20 Jahren in England. Wo ist Ihr Zuhause?

Tash: Malaysia wird immer mein Bezugspunkt bleiben. Aber in London fühle ich mich am besten aufgehoben. Dort besitze ich eine Wohnung, das macht sicher viel aus.

STANDARD: In Ihrem Werk spielen die Völkerwanderungen Südostasiens eine große Rolle. Nehmen Sie sich bewusst vor, die diversen Aspekte freiwilliger und erzwungener Migration zu beschreiben?

Tash: Nein, das plane ich nicht. Aber es ist sicher kein Zufall, dass schon in meinem Debütroman Die Seidenmanufaktur "Zur schönen Harmonie" die Erlebnisse eines Immigranten eine wichtige Rolle spielen. Das Thema kam mir lange Zeit gar nicht zu Bewusstsein. Mir steckt das in den Genen, physisch wie kulturell. Von einem Land zum anderen zu ziehen war in meinem Umfeld selbstverständlich.

STANDARD: Ist Migration aus Ihrer Sicht beängstigend oder begrüßenswert?

Tash: Ich finde es ganz schwer, mich in Leute zu versetzen, für die das Thema angstbeladen ist. Fast immer, jedenfalls in der heutigen Zeit, geschieht Migration aus einem einfachen Grund: Der Ankunftsort braucht die Menschen mehr als deren Heimat. Die europäische Debatte wäre in Malaysia nicht vorstellbar.

STANDARD: Ihr nächstes Buch hat die Einwanderung aus Südostasien nach China zum Thema.

Tash: Mich fasziniert, wie China die Menschen anzieht. Mir kommt Schanghai im Moment vor wie das New York des frühen 20. Jahrhunderts. Natürlich kommen viele Menschen, die mit schlecht bezahlten Jobs vorliebnehmen müssen. Aber auch Leute aus der europäischen und asiatischen Mittelschicht, Bäcker, Akademiker, Yoga-Lehrer. Ich wage mal die These: Chinesen sind aufnahmefähiger für Migranten als Europäer.

STANDARD: Sie meinen: Es gibt weniger Rassismus?

Tash: Ich glaube nicht, dass Europäer generell Rassisten sind. Unsinn. Sondern dass Europa sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt ist. In China spürt man einen Aufwärtstrend: Das vergangene Jahr war gut, das neue Jahr wird toll, und in zehn Jahren geht es uns allen besser. Die Leute sind voller Zuversicht, weil sie in einer Region leben, die in kurzer Zeit unglaublich reich geworden ist. Wenn Leute selbstbewusst und optimistisch sind, gehen sie mit Einwanderung anders um. Übrigens hat das nicht nur mit der Ökonomie zu tun. Die Chinesen fühlen sich geschmeichelt, dass so viele Leute in ihr Land kommen. Das nährt den Nationalstolz.

STANDARD: Löst China also Europa ab als Magnet für Immigranten weltweit?

Tash: Europa ist aus asiatischer Sicht wenig attraktiv. Der Eindruck besteht hier, dass dem alten Kontinent die kulturelle Energie ausgeht. Dass also, bei allem natürlich vorhandenen Wohlstand, zu wenig Innovation geschieht. Ein potenzieller Migrant will dorthin gehen, wo er etwas Neues anpacken, etwas leisten kann. Dieses Image hat Europa nicht. China hingegen schon.

STANDARD: Woran liegt das?

Tash: In China werden Sie nicht gefragt: Haben Sie diese Tätigkeit gelernt? - Sondern die Frage lautet: Können Sie das? (DER STANDARD, Printausgabe, 22.1.2011)


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    TASH AW (39), gelernter Anwalt, arbeitet als freier Schriftsteller mit Wohnsitz London. Seine Romane "Die Seidenmanufaktur ‚zur schönen Harmonie‘" und "Atlas der unsichtbaren Welt" (Rowohlt-Verlag) gewannen mehrere Preise.

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