"In Österreich wird arm oft mit ausländisch verwechselt"

21. Jänner 2011, 17:24
14 Postings

Die meist bildungsschwachen Einwanderer früherer Jahre gingen in die Armut, sagt Migrationsforscher August Gächter

Die Aufstiegschancen ihrer Kinder sind schlecht, Neid und Standesdenken würden das verhindern.

***

Standard: In Österreich wird seit Jahren das Bildungsproblem unter Migranten beklagt. Warum ist es bisher nicht gelungen, Zuwanderer höher zu qualifizieren?

Gächter: Das liegt an einem sehr zögerlichen Zur-Kenntnis-Nehmen, dass jene Gastarbeiter, die Anfang der 1960er-Jahre nach Österreich geholt wurden, sich auch hierzulande niedergelassen haben. Im Grunde war das erst ab 1. 1.1 998 klar, als die Aufenthaltsverfestigung in Kraft trat. Wer mehr als acht Jahre mit Arbeitsbewilligung im Land war, durfte selbst entscheiden, ob er weiterhin hier bleiben wollte oder nicht. Erst danach wurden Integrationsleitbilder von den Gemeinden und Ländern beschlossen, die oft nicht sehr inhaltsstark waren, sondern nur eine symbolische Qualität hatten. Man sagte damit, dass man es ganz gern hätte, dass auch auf unteren Ebenen etwas zur Integration dieses Teils der österreichischen Bevölkerung getan wird. In den Kindergärten oder bei der Jugendarbeit zum Beispiel. Zu kurz kommt in diesen Leitbildern, dass die Einwanderung eine Einwanderung in die Armut war.

Standard: Wieso in die Armut?

Gächter: Österreich hatte bei der Anwerbung von Arbeitskräften als Gastarbeiter keine hohen Anforderungen und auch oft das Nachsehen, weil die Möglichkeiten in Deutschland und in der Schweiz besser waren. Die Gastarbeiter mussten nicht unbedingt lesen und schreiben können. Die später nachkommenden Familienangehörigen waren folglich ebenfalls gering qualifiziert. Diese Menschen sollten und wollten auch anfangs nicht hierbleiben. Sie planten keine Zukunft in Österreich, nur im Herkunftsland. Eine ganze Generation lebte bis zur erwähnten Aufenthaltsverfestigung in rechtlicher Unsicherheit. Mittlerweile wurden die Kinder 40 Jahre alt, Enkel sind auf die Welt gekommen. Erst jetzt wird man sich bewusst, dass dringender Handlungsbedarf besteht, damit diese Menschen in ein bis zwei Generationen nicht mehr zu den sozial Schwachen gehören. Man hält sich aber häufig bei der Schuldfrage auf. Und meist auch noch bei der Behauptung, die Migranten seien schuld. Der große Wurf, eine Lösung, die eine Verbesserung bringt, ist leider nicht in Sicht.

Standard: Wer hält sich bei diesen Schuldfragen auf? Sind das nur Politiker?

Gächter: Wenn das Politiker mit einem gewissen Hang zum Populismus machen, verstehe ich das ja. Nicht verstehen kann ich es, wenn es in den Gemeinden, in Medien, in den Schulen passiert. Pädagogisch geschultes Personal sollte da mehr Feingefühl besitzen. Hier wird häufig ein soziales mit einem kulturellen Problem verwechselt. "Arm" wird in Österreich oft mit "ausländisch" verwechselt. Man sagt nicht: Die haben ein Problem. Man sagt leider: Die sind das Problem. Solche Aussagen machen deutlich, wer in der Gesellschaft die mächtigere Position hat. Man würde das nämlich nie über jemanden sagen, der sich wehren kann. Das überträgt sich natürlich auch auf die zweite Generation, weshalb Kinder aus Migrantenhaushalten häufig schlechtere Aufstiegschancen haben als andere.

Standard: Warum ist das so?

Gächter: Diese Kinder sind sicher nicht zu dumm. Wenn die Eltern Arbeiter mit geringer Bildung sind, können sie sich gegenüber der Schule oft nicht durchsetzen oder versuchen es gar nicht. Das Lehrpersonal ist ihnen rhetorisch überlegen und hat bei einem Termin in der Schule immer Heimvorteil. Insofern hängt der schulische Erfolg der Kinder stark von der Qualifikation der Eltern ab. Wenn sich Mentoren für die Kinder einsetzen, dann hilft das auch, wie sich in der Praxis zeigt.

Standard: Welchen Bevölkerungsgruppen gelingt es am besten, sozial aufzusteigen?

Gächter: Denen aus der Türkei. Bei Vergleichen unter sozial gleich schwachen Gruppen zeigt sich das immer wieder. Der Ausbruch aus dem sozialen Wohnbau, ein Studium oder die Teilnahme an Erwachsenenbildung gelingt ihnen am ehesten. Oder sehen Sie sich in der Politik um! Das gilt alles auch im Vergleich zur einheimischen Unterschicht. Das Perfide ist: Wenn sie sich Wohlstand schaffen, dann vermutet man in der Bevölkerung gern, dass da irgendetwas faul sein müsse und ein Verbrechen dahinterstecken könnte.

Standard: Woher kommt denn dieser Neid, auf die, die es geschafft haben?

Gächter: Es ist noch keine hundert Jahre her, da war Österreich noch ein Kaiserreich. Dann kamen der Ständestaat und das Naziregime. Die ersten ernstzunehmenden demokratischen Bemühungen gab es ab 1945. Das sind zwei Generationen. Für eine Demokratisierung braucht man aber drei Generationen. Die Österreicher haben aufgrund ihres so gelernten ständischen Verhaltens die starke Erwartung, dass jeder aufgrund seiner Geburt einen besonderen Platz in der Gesellschaft hat. Sie fassen es sogar als unhöflich auf, wenn jemand etwas anderes anstrebt. So kann Integration natürlich nicht funktionieren.

Standard: Was wäre Ihr Konzept für eine besser funktionierende Integration?

Gächter: Integration braucht Migration. Das heißt: Die, die da sind, können erst aufsteigen, wenn andere nachkommen und die Jobs in der Industrie und im Dienstleistungsbereich übernehmen. Das hört man hierzulande nicht gern, ist aber erwiesen. (Peter Illetschko, DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.1.2011)

AUGUST GÄCHTER (52) stammt aus Vorarlberg. Er beschäftigt sich seit 1989 mit Forschung zum Thema Migration und Integration. Er ist seit 1998 Konsulent für das International Migration Programme des International Labour Office (ILO), einer UN-Organisation in Genf. Seit 2002 forscht er am Wiener Zentrum für Soziale Innovation (ZSI).

Share if you care.