Der riskante Konsens

21. Jänner 2011, 16:44
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Warum ein Hans Grugger kein Mitleid erwartet

"Das Volk will Blut sehen", stellt ein derStandard.at-User trocken fest. Er bezieht sich dabei auf Hans Grugger und dessen Unfall in Kitzbühel. Bei allem Respekt vor unserer Community, so ist es nicht. Wir, die Skisportfans, für manche User auch der grölende Pöbel vor dem Fernseher, wollen Athleten am Limit sehen, Sportler die ihre Möglichkeiten ausreizen. Der Held kann auch fallen, aber er soll um Gottes Willen gleich wieder aufstehen, am besten so wie einst Hermann Maier in Nagano. An Verletzungen oder gar am Tod eines Fahrers haben wohl die wenigsten Fans Interesse.

Nun darf man aber nicht naiv sein: wenn sich jemand mit über 100 Stundenkilometer den Berg hinabwirft, entsteht ein erhebliches Risiko. Der Fan akzeptiert dies, er will Spektakuläres sehen und muss im schlimmsten Fall eine unerwünschte Katastrophe miterleben. Der Fahrer will wiederum für Gefährliches von den Fans gefeiert werden, der verwegene Held sein und akzeptiert im schlimmsten Fall Opfer eines Unfalls zu werden. Das ist der Konsens, alle willigen ein, jeder der Beteiligten weiß über Nutzen und Gefahren Bescheid. Vor allem ein Hans Grugger, dessen Weg von schweren Verletzungen gezeichnet ist. Warum also setzt sich ein Athlet dennoch der Gefahr aus? Diese Frage taucht nach jedem Unfall auf und die Antwort könnte einfacher nicht sein: weil er den Sport liebt, weil er seine Berufung lebt. Aus diesem Grund stieg Karl Wendlinger wieder ins Cockpit und steigt Daniel Albrecht wieder auf die Bretter.

Die jetzt zu hörende Empörung stammt weder von den Athleten noch von den ständigen Beobachtern des Skisports, sie alle denken, dass Gruggers Unfall genau unter das vielzitierte "Restrisiko" fällt. Die Mausefalle ist für Profis nicht die technisch anspruchsvollste Stelle im Weltcup-Zirkus, man kann sich kaum erinnern, dass dort in den letzten Jahren ein Abfahrer in Schwierigkeiten geraten wäre. Abfahrtsweltmeister John Kucera spricht von "Pech", Ski-Ikone Kristian Ghedina sieht darin "unser Leben und unser Schicksal".

Hans Grugger würde es wohl genauso sehen. Deshalb braucht er jetzt auch nicht das Mitleid, das ihm einige User verweigern wollen, er braucht nur kompetente Ärzte. Und zur Abwechslung eine Portion Glück. (derStandard.at; 21. Jänner 2010)

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