"Ich glaube an ein Wander-Gen"

21. Jänner 2011, 18:48
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Seit mehr als 25 Jahren arbeitet der Journalist, Autor, Fotograf und Filmemacher Roland Hagenberg im Ausland - Über Berlin, New York und Tokio führte ihn einer seiner Wege nach Raiding, ins Mittelburgenland

Es ist keine Rückkehr. Vielmehr ein Neu-Denken jenes Landes, aus dem er stammt, die Anpassung an seine heutige Lebensrealität. Vor zwei Jahren erstand der Journalist, Autor, Fotograf und Filmemacher Roland Hagenberg einen Bauernhof im mittelburgenländischen Raiding - von Tokio aus.

Seit nunmehr 17 Jahren lebt der gebürtige und ursprünglich als psychiatrischer Pfleger ausgebildete Wiener in der japanischen Metropole und gilt heute als einer der angesehensten Publizisten über japanische Architektur. "Jetzt schreibe ich seit Jahren über Architekten und Architektur, wollte immer schon selbst designen und Hand anlegen. Dazu habe ich in Raiding nun die Möglichkeit - ich kann es mir leisten, kann mir Zeit lassen und planen" , erzählt er. Dabei blieb es aber nicht.

Globales Raiding

Es muss einer jener Momente gewesen sein, in denen einen Mensch - der sich selbst als "rastlos" bezeichnet und in Tokio eine Stadt gefunden hat, die seinem eigenen "Seelenmuster entspricht" - die ungewohnte Stille von Raiding zu übermannen drohte. "Es hatte was Ironisches, darüber nachzudenken, dass an einem normalen Tag auf dem Land plötzlich die Japaner kommen - das hatte was Absurd-Lustiges" , erinnert er sich. Eine "absurde" Idee, auf der nun das heutige "Projekt Raiding" fußt.

2011 wird natürlich auch in Raiding, dem Geburtsort von Franz Liszt, dessen 200. Geburtstag begangen. Und Hagenberg bereitet seit einem Jahr diesen Anlass unter anderem mit zehn japanischen Star-Architekten vor. Im Umfeld des 2006 von den Architekten Kempe Thill geplanten "Franz-Liszt-Konzerthauses" sollen temporäre Unterkünfte entstehen, die Dietmar Steiner, Direktor des Architekturzentrums Wien, in seinem Kommentar im Forum Raiding als "spannendste und spektakulärste architektonische Intervention, die das Burgenland, ja ganz Österreich, jemals gesehen hat" bezeichnet. Noch seien die Konzepte, Ideen und Modelle auf dem Weg der Realisierung - das erste Haus soll im Juni gebaut werden, der Architekt ist Terunobu Fujimori. Idealerweise, so Hagenberg weiter, "können wir im Oktober, am eigentlichen Liszt-Geburtstag, die Häuser offiziell und gemeinsam mit dem Bundespräsidenten eröffnen" , grinst er. Laufende Ausstellungen begleiten das Projekt und informieren über die Fortschritte.

À la longue betrachtet könnte sich Raiding mit seinen rund 800 Einwohnern nicht nur als Fixpunkt für Musikinteressierte etablieren, sondern auch als Magnet für Architekturbegeisterte. Hagenberg: "Auch touristisch wird das interessant sein, besonders für Japaner, die ja gerne die eigene Kultur im Ausland wiederentdecken. Dann geht man nicht zum Kaufhaus Isetan zum Shoppen, sondern hat in Raiding ein Konzert gehört und in einem Hara-Haus übernachtet."

"Glaube an ein Wander-Gen"

Für Hagenberg selbst ist "Raiding" kein Heimkommen. "Ich hatte auch nie Heimweh" , sagt er, der über Berlin nach New York kam und dort zehn Jahre u. a. im Bereich des "Vanity Publishing" tätig war - Kunstbände von Jean Michel Basquiat bis Keith Haring tragen seine Handschrift. "Ich hatte immer Fernweh. Es ist so süß, und die Vorstellungen damit sind so schön! Fernweh ist - im Gegensatz zu Heimweh - zukunftsgerichtet" , sagt er. Mit Hagenbergs Ankunft in Japan begann seine publizistische Tätigkeit im Bereich der Architektur. "Das Wissen habe ich mir immer 'on the run' geholt." Er habe seinen Lebensstil gefunden. Das viele Reisen mache sein Leben, seine Arbeit, sein Empfinden und Sehen intensiver. "Ich glaube an ein Wander-Gen, wie jenes, das die Störche haben." Nach Österreich zu kommen ist für ihn wie "Fernweh - 'in reverse'" . (Heidi Aichinger, DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.1.2011)

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    "Das Hin und Her macht die Arbeit, das Leben, das Empfinden und Sehen viel intensiver" , sagt Roland Hagenberg

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