"Kältestes Jahr", "heißester Sommer": Alles irrelevant

21. Jänner 2011, 12:43
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Für Klimaforscher zählt nur der langfristige Trend - und der geht unverändert Richtung Erwärmung

Wien - Begriffe wie "kältestes Jahr aller Zeiten" oder "heißester Sommer seit Menschengedenken" lösen bei Wissenschaftern, die sich mit dem klimatologischen Gesamtbild befassen, meist nur Naserümpfen aus. Dementsprechend wenig können die Klimatologen der ZAMG in Wien mit dem Ergebnis der UN-Organisation für Meteorologie (WMO) anfangen, die zum Schluss kam, das vergangene Jahr sei wärmste in der Geschichte gewesen. "Eine globale Temperatur der Erde gibt es nicht bzw. kennt sie niemand ganz exakt", erklärte Reinhard Böhm, fügte jedoch hinzu: "Ganz egal, ob nun ein neuer Rekord erreicht wurde oder nicht, der Trend der globalen Erwärmung ist ungebrochen."

Berechnungsarten gebe es viele, weshalb es bei den Resultaten stets zu kleinen Unterschieden komme. Wenn es um die Spitzenplätze geht, gelten ähnliche Regeln wie im Sport: Die Topwerte liegen extrem dicht beisammen. 0,05 Grad Differenz entscheiden im Moment zwischen dem wärmsten und drittwärmsten Jahr.

Zahlen und Zahlenspiele

Die ZAMG arbeitet eng mit der Climate Research Unit der Universität Norwich (CRU) zusammen. Bei dem global gemittelten Datensatz der CRU, welche ausschließlich Land- und Seemessstationen und keine Satellitenmessungen verwendet, nimmt das Jahr 2010 mit einer Abweichung von plus 0,47 Grad (relativ zum Mittel des Zeitraumes 1961 bis 1990) den dritten Rang in der 161-jährigen Messreihe ein.

Der 263 Jahre umfassende HISTALP-Datensatz der ZAMG zeigt für tiefe Lagen in Österreich ein ganz ähnliches Bild. Auch in Österreich beträgt die Abweichung rund plus 0,51 Grad. "Damit landet das Jahr 2010 in Österreich aber 'nur' auf Rang 41", so Böhm. Es sei aber festzustellen, dass regional und somit auch in Österreich die jährlichen Schwankungen weitaus größer sind als im globalen Mittel.

Auf Österreichs Bergen wurde im Vorjahr mit einer Abweichung von minus 0,08 Grad der 66. Platz in der 160-jährigen Gebirgsmessreihe erreicht. Der Monat mit der größten positiven Abweichung war übrigens der Juli (plus drei Grad), sein kaltes Gegenüber der Dezember mit einer Abweichung von minus drei Grad auf den Bergen und minus 1,5 Grad in tiefen Lagen.

"Zu kalt" eigentlich Rückkehr zur Normalität

Dass viele Österreicher das Jahr 2010 als kalt empfunden haben, erklärt Klimaexperte Böhm folgendermaßen: "Seit den 1990er Jahren haben wir in Österreich - mit einer Ausnahme, nämlich 1996 - im Vergleich zum Mittel 1961 bis 1990 ausschließlich zu warme Jahre erlebt. Das Jahr 2010 lag nun etwa 0,6 Grad unter dem österreichischen Temperaturniveau der vergangenen 20 Jahre, dadurch der zu kalte Eindruck."

Während Österreich 2010 in Bezug auf die Temperaturabweichung dem globalen Trend entsprach, gab es auch teils massive Ausreißer nach unten bzw. oben. In Teilen Norwegens erlebte man zum Beispiel mit einer Abweichung von gut minus zwei Grad das kälteste Jahr seit 1979, von der Hudson Bay (Kanada) bis zum Südwesten Grönlands lag hingegen die Durchschnittstemperatur vier Grad über dem Mittel. "In Summe überwiegen weltweit die Regionen mit den positiven Temperaturabweichungen", analysierte Böhm. Dadurch ergebe sich ein global gesehen "ausgesprochen warmes" Jahr 2010. (APA/red)


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