Erreger in den Flitterwochen

23. Jänner 2011, 17:23
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Für manche Frauen sind Harnweginfektionen eine ständig wiederkehrende Plage - In hartnäckigen Fällen sind Antibiotika die effektivsten Helfer

Höllisch zieht es im Unterleib, und sie muss ständig auf die Toilette. Doch dann kommen nur wenige Tropfen, und es brennt fürchterlich. Diagnose: akuter Harnwegsinfekt. Harnwegsinfektionen sind einer der häufigsten Gründe für einen Arztbesuch. Bei etwa 35 von 1000 Patienten in Hausarztpraxen stellen Mediziner eine Infektion fest. Bakterien lösen sie in den meisten Fällen aus, am häufigsten das Darmbakterium Escherichia coli. Meist diagnostizieren Ärzte eine "unkomplizierte" Infektion: Die Nieren funktionieren noch normal, die Erkrankten haben kein Fieber und keine Begleitkrankheiten. "Kompliziert" nennen sie es zum Beispiel, wenn sie in den Harnwegen anatomische Besonderheiten wie Engstellen finden oder eine Frau auch noch an anderen Erkrankungen leidet.

Jede zweite Frau bekommt mindestens einmal in ihrem Leben einen Harnwegsinfekt. "Das hat einen einfachen Grund", sagt Gabriel Schär von der Europäischen Urogynäkologischen Gesellschaft. "Darmausgang und Harnröhre liegen nur wenige Zentimeter nebeneinander. Bei günstigen Bedingungen, etwa beim Geschlechtsverkehr, breiten sich die Bakterien vom After oder der Scheide in die Harnröhre aus." Männer und Buben hingegen bekommen es nur selten.

Bei Frauen erkranken vor allem jüngere, die zum ersten Mal Sex haben, Schwangere und Frauen nach den Wechseljahren. "Das Risiko für einen Harnwegsinfekt ist 48 Stunden nach dem Geschlechtsverkehr etwa 60-mal höher als sonst", sagt Karl Tamussino, leitender Gynäkologe an der Med-Uni Graz. Daher stammt auch der Begriff "honeymoon cystitis" Die Zusammensetzung der Keime im Intimbereich ändert sich beim ersten Sex. Frauen haben außerdem ein höheres Risiko, wenn sie mit Diaphragma oder spermienabtötenden Cremen verhüten.

Laktobazillen in der Scheide sorgen normalerweise für ein saures Milieu - das schützt vor einer Infektion. Östrogene verbessern die Lebensbedingungen für die Bakterien. "Nach den Wechseljahren sinkt die Hormonkonzentration, die Menge an Laktobazillen nimmt ab, und das Risiko für eine Infektion steigt", erklärt Gynäkologe Tamussino. "Außerdem wird durch den Hormonmangel die Schleimhaut dünner, und Keime können leichter eindringen."

Schmerzhafte Episoden

Die Beschwerden sind meist eindeutig: Brennen beim Wasserlassen, Harndrang und Schmerzen über dem Schambein. "Weisen die Symptome auf eine Infektion und kennen wir die Patientin, brauchen wir meist keine weitere Diagnostik", sagt Tamussino. "Ansonsten untersuchen wir den Urin mit Teststreifen und unter dem Mikroskop auf Bakterien." Nur in speziellen Fällen - etwa bei Fieber oder Begleitkrankheiten - ordnet er eine Urinkultur an: Labormitarbeiter züchten die Keime auf Nährböden an und wissen nach einigen Tagen, was für Keime es sind und welche Antibiotika dagegen helfen.

Unkomplizierte Harnwegsinfekte heilen eigentlich gut von selbst. "Wir empfehlen aber trotzdem Antibiotika", sagt der Gynäkologe Schär. "Denn sie können die quälenden Beschwerden sofort lindern, und die Keime verschwinden schneller." In den meisten Fällen wissen Ärzte nicht, welche Bakterien die Infektion verursacht haben. Denn das Ergebnis der Urinkultur liegt erst nach einigen Tagen vor, und bis dahin ist die Infektion meist vorbei. "Deshalb empfehlen wir die Antibiotika, die gemäß Studien am besten gegen Harnweginfektions-Bakterien wirken und am wenigsten Resistenzen verursachen", sagt Schär.

Resistenz bedeutet, dass das Antibiotikum nicht mehr wirkt. Ist eine Frau nicht schwanger und hat keine Allergie, raten die Experten meist zu Chinolonen, Trimethoprim, Cotrimoxazol, Fosfomycin, Nitrofurantoin oder dem Penicillin Pivmecillinam (siehe Wissen-Kasten unten). Schwangere bekommen meist Penicillin, da dies dem Ungeborenen nicht schadet.

Studien zeigen aber auch, dass sich bei den meisten Frauen die Beschwerden innerhalb von zwei Tagen mit der dreitägigen Kurzzeittherapie bessern. Eine längere Einnahme linderte die Symptome nicht schneller, es kam aber häufiger zu Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden oder Hautausschlägen. Früher empfahlen Ärzte mitunter eine "Single-shot"-Therapie mit einer einmaligen Antibiotikagabe. "Inzwischen wissen wir aber, dass dies häufiger zu Rückfällen führt, weil mehr Bakterien überleben", sagt Schär. Bis zu jede fünfte Frau kommt innerhalb einiger Monate noch einmal einen Infekt, manche leiden episodisch immer wieder darunter. "Diese Frauen sollten sich gründlich untersuchen lassen", rät der Gynäkologe Schär. "Denn dahinter könnten bestimmte Krankheiten stecken, zum Beispiel wenn sich die Scheidenwand vorwölbt und ständig Restharn in der Blase steht." (Felicitas Witte, DER STANDARD Printausgabe, 24.1.2011)

Wissen:

Infekten den Garaus machen

Nitrofurantoin bauen die Bakterien zu einem Stoff um, der an ihre eigene DNA bindet und sie schädigt. So können sich die Keime nicht mehr vermehren und gehen zugrunde. Sulfonamide wie Sulfamethoxazol und Trimethoprim hemmen zwei verschiedene Enzyme innerhalb der Bakterien, die die Produktion von Tetrahydrofolsäure (THF) ankurbeln. Ohne THF können die Bakterien keine DNA herstellen und sich dadurch auch nicht mehr vermehren.

Bei Harnwegsinfektionen gibt der Arzt die beiden Präparate meist in Kombination als Cotrimoxazol.

Chinolone, die alle auf "...oxacin" enden, hemmen ein weiteres Enzym in den Bakterien. Dies sorgt dafür, dass die DNA "ordentlich" aufgewickelt wird. Ohne das Enzym sterben die Bakterien. Inzwischen wirken Chinolone gegen viele Harnwegkeime nicht mehr, weshalb Ärzte zunächst eher andere Antibiotika verschreiben. Penicilline und Fosfomycin stören den Aufbau der Bakterienwand und sie lösen sich auf. (fewi)

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  • Bild nicht mehr verfügbar

    Bestimmung der Bakterien in der Urinprobe: Bis die Ergebnisse fertig sind, können Patientinnen oft nicht warten.

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