Irak-Ausschuss: Blair im Gegenangriff

21. Jänner 2011, 21:58
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Ex-Premier: Iran für Terror im Irak verantwortlich

In seiner zweiten Befragung vor dem britischen Irak-Ausschuss ging Expremier Tony Blair am Freitag zum Gegenangriff über und machte den Iran für die schwierige Lage im Zweistromland verantwortlich.

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Der frühere Premierminister Tony Blair hat seinen Auftritt vor dem britischen Irak-Ausschuss zu einer Anklage gegen die Politik des Nachbarn Iran genutzt. Nach dem angloamerikanischen Einmarsch im Zweistromland sei die Situation, besonders im britischen besetzten Süden des Landes, bis 2005 kontrollierbar gewesen. "Dann kam der negative Einfluss des Iran und der von ihm unterstützten Milizen zur Geltung", sagte Blair am Freitag in London.

"Und das Land macht weiter mit Terrorismus, Destabilisierung der Region und einem Atomwaffenprogramm." Anders als vor Jahresfrist äußerte Blair diesmal "Bedauern für die Menschenleben auf allen Seiten" , die der Feldzug 2003 und der darauffolgende Bürgerkrieg gekostet hatten. Angehörige der Toten antworteten "Zu spät" und "Sie sind ein Lügner!" , ehe der Ausschussvorsitzende John Chilcot eingriff.

 

Das von Blairs Nachfolger Gordon Brown eingesetzte Gremium unter Vorsitz des früheren Staatssekretärs Chilcot untersucht seit Sommer 2009 Vorgeschichte und Folgen des Krieges. Die zweite Vorladung Blairs drückte Zweifel an seiner Aussage vor Jahresfrist aus; eine lange Liste detaillierter Fragen beantwortete der frühere Regierungschef vorab schriftlich. In der knapp vierstündigen Befragung ging es weniger um die Begründung für den Krieg gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein und dessen angebliches ABC-Waffenprogramm; vielmehr konzentrierte sich das Gremium aus zwei Historikern, einem Exbotschafter und zwei Spitzenbeamten auf Blairs Verhältnis zu seinem Kabinett und zum damaligen US-Präsidenten George Bush.

Zu Wochenbeginn hatte Chilcot öffentlich gegen die Geheimhaltung von Briefen Blairs an Bush protestiert. Der Zeuge verteidigte die Maßnahme: "Ein Premier muss mit dem Präsidenten kommunizieren können, ohne dass die Vertraulichkeit in Zweifel steht." Durch die Fragen der Ausschuss-Mitglieder, die alle Dokumente einsehen durften, wurde deutlich: Blair hatte Bush schon frühzeitig in 2002 Gefolgschaft zugesichert für einen Krieg, den die USA ohnehin zu führen entschlossen war. In den ersten Wochen des Jahres 2003, als im UN-Sicherheitsrat um das Vorgehen gegen Saddam Hussein gerungen wurde, mochte der britische Premier die juristischen und logistischen Zweifel seiner Kabinettskollegen und seines Rechtsberaters nicht dem US-Präsidenten mitteilen: "Das hätte zu einer politischen Katastrophe geführt."

Ausdrücklich zog der Nahost-Beauftragte Blair Parallelen zwischen dem Irak-Krieg und der westlichen Haltung zum Iran: "Entweder man versucht mit der Bedrohung zu leben oder man konfrontiert sie. Ich halte den zweiten Weg für richtig, damals wie heute." Der Westen müsse "endlich den Kopf aus dem Sand" nehmen. (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 22.1.2011)

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    Blair vor dem Chilcot-Ausschuss: Können diese Augen lügen?

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