Medizinstudium: Bildungspsychologin kritisiert Aufnahmetests

21. Jänner 2011, 11:31
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Etwa für Pflegepersonen - Optimierungsbedarf bei derzeitigen Tests

Wien - Für alternative Zugangsmöglichkeiten zum Medizinstudium plädiert die Bildungspsychologin Christiane Spiel (Uni Wien). Neben der Aufnahme über die derzeit üblichen Massen-Testverfahren sollte es auch Quoten für Personen geben, die etwa bereits als Pfleger oder in anderen Krankendiensten gearbeitet haben, so Spiel. Diese könnten andere Patientenbedürfnisse abdecken als die über die klassischen Wege aufgenommenen Ärzte.

Spiel hielt heute, Freitag, einen Vortrag beim Kongress "Medizinausbildung in Österreich" in Wien. Derzeit werden die Medizin-Studenten ausschließlich durch Testverfahren ausgewählt, die primär auf Studien-Fähigkeiten wie medizinisch-naturwissenschaftliches Grundverständnis, räumliches Vorstellungsvermögen oder den Umgang mit Zahlen (EMS-Test in Wien, Innsbruck) bzw. Wissen in den Grundlagenfächern Biologie, Chemie, Physik und Mathematik sowie Textverständnis (Graz) abzielen.

"Schnelle und bequeme Lösung"

Die derzeitige Methode biete natürliche eine "schnelle und bequeme Lösung", so Spiel. "Wir wollen die reinkriegen, die möglichst gut und schnell das Studium abschließen - das ist ja auch OK." Daneben gebe es aber auch Anforderungen an die Ärzteschaft, die von anderen Personengruppen vermutlich besser erfüllt werden könnten. "Wir brauchen z.B. sicherlich auch Ärzte mit hoher sozialer Kompetenz, die benachteiligte Personengruppen gut ansprechen und erreichen können. Das sind eher Personen, die den Spitalsalltag von der Seite als Pfleger kennen oder länger in anderer Form mit Kranken gearbeitet haben." Im Studium müssten diese natürlich dasselbe leisten, auch wenn es möglicherweise für sie mühsamer ist und sie länger brauchen.

Daneben sollten aber nach Spiel auch die derzeitigen Testverfahren verbessert werden. Optimierungsbedarf sieht sie etwa bei der "prognostischen Validität" der Testverfahren: So sei es derzeit etwa noch fraglich, ob die Guten beim Aufnahmetest auch tatsächlich die Guten bei Studienabschluss seien. Das Abschneiden bei der sogenannten "Summativen Integrierten Prüfung" (SIP) nach einem Jahr sei ein problematisches Kriterium, denn bei diesem werden ähnliche Wissensinhalte nach analogem Modus wie beim Eingangstest abgefragt.

"Teil der Bewerberinnen fälschlich ausgeschieden"

Frauen schneiden bei Eingangstest und SIP schlechter ab als Männer. Verlaufsanalysen haben jedoch gezeigt, dass im Verlauf des Studiums, wenn der Anwendungskontext stärker im Vordergrund steht, die Leistungsunterschiede verschwinden. Jedenfalls haben vor Einführung der Auswahlverfahren absolut mehr Frauen das Medizinstudium erfolgreich abgeschlossen als Männer. "Dies legt die Vermutung nahe, dass - wie bei fast allen derartigen Verfahren - ein Teil der Bewerberinnen im Auswahlverfahren fälschlich ausgeschieden wird", so Spiel.

Weitere Verbesserungsmöglichkeiten sieht Spiel bei Testökonomie und Testphilosophie: Beim Grazer Wissenstest gebe es etwa sehr enge Zusammenhänge zwischen den Subtests. Allein der Subtest Chemie erkläre 80 Prozent der Gesamtleistung: "Da fragt man sich, warum braucht man so viele Items?" Schließlich müsse man sich die Frage stellen, warum man für das gleiche Studium in Wien und Innsbruck einerseits und in Graz andererseits zwei so unterschiedliche Eingangstests verwende.

Für hinterfragenswert hält Spiel auch die Philosophie des EMS: Dieser messe laut den Autoren komplexe Fähigkeiten, die über langjährige Lern- und Entwicklungsprozesse entstanden sind. Deshalb sei es gemäß deren Angaben auch nicht möglich, diese Fähigkeiten kurzfristig zu trainieren. Damit folge man aber "einem relativ deterministischen Bild der Kompetenzentwicklung" - "Es besteht keine Möglichkeit, dass Personen durch hohe Motivation und intensiven Einsatz Kompetenzdefizite kompensieren können." Gleichwohl werden Trainingskurse für den EMS angeboten, die offensichtlich auch trotz relativ hoher Kosten gut besucht sind. (APA)

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