Stipendium oder Abschiebung?

    21. Jänner 2011, 15:00
    85 Postings

    Aus Mangel an Beweisen dafür, dass er tatsächlich aus einer Konflikt-Region in Ghana stammt, droht dem jungen Musiker Wahabu Musha die Abschiebung

    Während Wahabu Musha mit leiser Stimme von sich erzählt, lächelt er. Er wirkt so fröhlich und entspannt, als wäre sein Leben in geordneten Bahnen, ganz ohne Probleme oder Zukunftssorgen. Sein zuversichtlicher Blick und seine Freude, wenn er über die Musik und das Tanzen spricht, lassen nicht erahnen, dass sich der 18-Jährige in einer für ihn lebensbedrohlichen Situation befindet.

    Vermeintlich sicherer Hafen Europa

    Bereits in der Schule entdeckt Wahabu Musha seine Liebe zur Musik und zum Tanz, vor allem aber haben es ihm die Rhythmik-Instrumente angetan. "Mein Onkel in Ghana spielte Trommel. Ich habe ihm oft zugehört und entdeckt, dass mich das auch sehr interessiert. Dann ging das Lernen sehr schnell," erinnert sich der junge Musiker. Begeistert belegt er Trommelunterricht in seiner Schule, wo auch Singen und Tanz auf dem Lehrplan stehen.

    Als Wahabu Musha 15 Jahre alt ist, muss er überstürzt aus seiner Heimat in Ghana fliehen. Nachdem sein Vater, ein Imam, Opfer eines religiös motivierten Mordes wird, wird es in der Region auch für den jungen Wahabu, seine Mutter und seinen Bruder zu gefährlich. Monatelang ist Wahabu auf der Flucht, zunächst auf der Sahara Route, bis er schließlich über die Mittelmeer-Passage in Europa landet. Froh, noch am Leben zu sein - das ist auf dieser "Fluchtreise" keine Selbstverständlichkeit - erreicht er den vermeintlich sicheren Hafen. Alleine, denn den Rest seiner Familie verliert der junge Wahabu bereits bei der Flucht in Ghana aus den Augen.

    Warten und Zeit totschlagen

    In Österreich angekommen, landet er schließlich im Clearing-House in Salzburg, wo unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wie er betreut werden. Dort wird dem kreativen Kopf aber bald langweilig - denn außer den Deutschkursen, die er regelmäßig und gerne besucht, gibt es für ihn nichts zu tun.

    So wie für andere Asylwerber in Flüchtlingsheimen sind Wahabus Tage eintönig: Sie bestehen aus Warten und Zeit totschlagen. Damit will sich der junge Mann aus Ghana nicht abfinden. "Also fragte ich meinen Betreuer, ob es möglich wäre, vielleicht einen Trommel-Kurs zu organisieren", erzählt Wahabu Musha. "Ich hatte so große Lust aufs Musikmachen und Lernen."

    Förderung und Fehlende Beweise

    Und tatsächlich: Das Clearing-House besorgt die Instrumente und obendrein auch einen Lehrer, den Musikpädagogen Georg Klebel, der von da an fünfzehn interessierte junge Flüchtlinge in seinem Trommelworkshop unterrichtet. Für ihn steht von Anfang an außer Frage, dass Wahabu Musha ein großes musikalisches Potenzial hat. Er beginnt, ihn zu fördern und zieht bald ein zweijähriges Stipendium für ihn an der Salzburg Experimental Academy of Dance an Land- die Ausbildung hat diese Woche begonnen. Nun kann sich Wahabu zwei Jahre lang künstlerisch weiterbilden - wenn da nicht sein zweiter negativer Asylbescheid wäre. Jetzt droht ihm die Abschiebung aus Österreich.

    "Die Leute vom Clearing-House haben leider keinen Beweis gefunden für das, was Wahabu sagt, deswegen hat er die negativen Bescheide bekommen", fasst Georg Kleber die Problematik zusammen. Der Musikpädagoge setzt sich sehr für das humanitäre Bleiberecht seines Schülers ein und macht sich gemeinsam mit ihm neuerlich auf die Suche nach einem Beweis, dass der Konflikt, aufgrund dessen Wahabu fliehen musste, tatsächlich existiert hat - nur so kann ein Wiederaufnahmeantrag auf das Bleiberecht gestellt werden.

    Recherchen des Chief Imams

    Georg Klebers Bemühungen sind erfolgreich: Im Internet finden sie den Kontakt zu Ghanas Chief Imam - einem Mann, der den anderen Imamen des Landes übergeordnet ist. Sie erreichen ihn per Telefon und dieser verspricht daraufhin, alles Mögliche zu tun. Er fährt in den sechs Stunden entfernten Heimatort von Wahabu Musha, recherchiert und spricht mit Leuten, die bestätigen können, dass dort ein Konflikt zwischen christlichen und islamischen Einheiten stattgefunden hat und Wahabus Vater dabei ermordet wurde.

    In Form eines Emails bekommen Wahabu Musha und Georg Klebel alle Infos des Chief Imams, jetzt warten sie noch auf ein offizielles Dokument. "Wichtig ist auch, dass die Bestätigung enthält, dass es für Wahabu lebensgefährlich ist, wieder nach Ghana zu gehen", so der engagierte Musiklehrer. "Denn die Mörder seines Vaters sind wahrscheinlich nicht daran interessiert, dass er lange lebt, da sie fürchten, er würde sich an ihnen rächen."

    Das Damoklesschwert, die Abschiebung

    Wahabus Anwalt wird die Bestätigung aus Ghana in der kommenden Woche mit dem Wiederaufnahmeantrag einreichen. "Wie das dann entschieden wird, weiß ich nicht, aber rechtlich stehen wir damit auf einer neuen Basis", sagt Georg Klebel hoffnungsvoll und blickt zu Wahabu Musha, der jetzt nicht mehr lächelt, sich seine große Verzweiflung aber auch nicht anmerken lässt.

    Über seiner Musik, dem Stipendium und seinen weiteren Plänen hängt die mögliche Abschiebung wie ein Damoklesschwert: "Wie soll ich über meine Zukunft nachdenken, wenn ich nicht weiß, ob ich in Österreich bleiben kann? Zuallererst einmal muss ich wissen, ob ich diese Möglichkeit haben werde, und erst dann denke ich darüber nach, was ich mit meinem Talent anfange." (Jasmin Al-Kattib, 21. Jänner 2011, daStandard.at)

     

    • Wahabu Musha hat  vor wenigen Tagen ein zweijähriges Stipendium an der Salzburg Experimental Academy of Dance bekommen.
      foto: jasmin al-kattib

      Wahabu Musha hat vor wenigen Tagen ein zweijähriges Stipendium an der Salzburg Experimental Academy of Dance bekommen.

    • Wahabu Musha mit Tanzkollegen bei der Performance "Auswärtsspiel" von L. Venegas
      foto: argekultur/sabine bruckner

      Wahabu Musha mit Tanzkollegen bei der Performance "Auswärtsspiel" von L. Venegas

    Share if you care.