Erinnerungen an die "Eisenzeit"

27. März 2005, 00:22
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Anmerkungen zur Personale für den Dokumentaristen Thomas Heise im Wiener Stadtkino

Wien - Das Ende des Sozialismus in Deutschland filmte Thomas Heise bei einem Würstelstand in Berlin. In der Küche herrscht noch routinierte Geschäftigkeit, Massenware wird ausgepackt, riesige Töpfe werden gereinigt, im Radio sind die Verlautbarungen zum bevorstehenden 40. Jahrestag der DDR zu vernehmen. Die Vorgänge im Land findet ein junger Mann äußerst "spannend", viele Menschen verlassen einen Staat, der sich als Vaterland nur ideologisch maskiert hatte.

In Heises kurzem Dokumentarfilm Imbiss spezial wird diese Zeit des Übergangs als Stimmengewirr begriffen, aus dem am Ende ein Lied von Schubert heraus klingt: "Wehe den Fliehenden", singt Peter Panders in einer Aufnahme, die gegen Ende des 2. Weltkriegs in Berlin entstand. Die Zeiten durchdringen einander in allen Filmen von Thomas Heise.

Was die Literaturkritik immer noch gelegentlich als den großen "Wenderoman" einklagt, hat Heise für das Kino längst geleistet: eine epische Nacherzählung dessen, was den Menschen zwischen Görlitz und Cottbus mit zwei Gesellschaftssystemen, einer friedlichen Revolution und den Resten einer deutschen Mythologie widerfuhr.

"Wir sind das Volk"

In den Neunzigerjahren war der Rechtsradikalismus in Ostdeutschland das deutlichste Symptom dafür, dass die Parole "Wir sind das Volk" im Kapitalismus schnell wieder reaktionär werden konnte. Heise drehte 1993 Stau - Jetzt geht's los, ein Porträt von Jugendlichen in Halle-Neustadt, dem er 2000 eine Fortsetzung unter dem Titel Neustadt - Der Stand der Dinge folgen ließ. Der entscheidende und selten zu sehende Film in diesem Zusammenhang ist jedoch Eisenzeit (1991), weil er die für Heise so wichtige Generationenfrage verhandelt.

Er selbst war als Sohn eines bedeutenden DDR-Philosophen eine Hoffnung für das System. Seine Ausbildung an der Filmhochschule in Babelsberg stand aber von Beginn an unter dem Eindruck der repressiven Staatsmacht, und als er 1981 mit Jugendlichen der sozialistischen Musterkommune Eisenhüttenstadt drehen wollte, wurde dies unterbunden. Zehn Jahre später hatten sich zwei der Protagonisten des geplanten Films das Leben genommen. Eisenzeit wurde zu einem Requiem auf die DDR, wie es grimmiger schwer vorstellbar ist.

Barluschke (1997) hingegen: Mit Berthold Barluschke, einem verwitterten Doppelagenten im Ausgedinge, fand Heise eine Figur, die alle Widersprüche der Epoche enthält. Als Spion für die DDR war Barluschke viele Jahre lang unter falscher Identität im Westen tätig, er gründete dort eine Familie, kehrte dann zurück und "offenbarte" sich schließlich in Wien dem Nachrichtendienst der DDR.

Barluschke ist für Heise eine Art totales Subjekt, in dessen schwieriger Psychologie erkennbar wird, wie die Staatssicherheit das Individuum formt. "Objektive Kontrolle" ist für Barluschke entscheidend, deswegen filmt er mit einer Videokamera selbst erschütternde Familienszenen, die Heise in seine Montage übernimmt, wohl wissend, dass er sich damit seinerseits totalitär positioniert. Nirgends rührt er näher an die negative Dialektik des dokumentarischen Arbeitens, als hier, am Rande der Selbstzensur, im schwarzen Zentrum eines großen (DER STANDARD, Printausgabe, 10.5.2003)

Von
Bert Rebhandl

Wien, Stadtkino,
Tel.: 712 62 76
Bis 15. Mai

Ausführliche Texte und das genaue Programm der Personale Thomas Heise unter www.Kinoreal.at
  • meine kneipe (thomas heise, 2000)
    kinoreal

    meine kneipe (thomas heise, 2000)

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