Die Entlarvung der Todeslistenführer

9. Mai 2003, 19:22
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Der Linzer Dichter und Verleger Heimrad Bäcker verstarb beinah 78-jährig

Linz - Die prekäre Frage, ob das Grauen des Holocaust überhaupt "angemessen" zur Sprache gebracht werden kann - sie schleppt eine vorgegebene Auffassung davon, was Sprache darf oder zu unterlassen hat, als unsichtbare Tonnenlast mit sich. Es blieb dem großen oberösterreichischen Dichter und Verleger Heimrad Bäcker vorbehalten, die eingangs aufgeworfene Frage nicht zu umgehen, sie im Gegenteil zu radikalisieren. Mit den beiden Bänden der nachschrift brachte Bäcker etwas zur Sprache, was, mit Blick auf die Opfer, zugleich niemals hinreichend ausgedrückt werden kann:

Bäcker lud sich den obszön ausgenüchterten Jargon der Täter, das Vernichtungsrotwelsch der mit der so genannten "Endlösung" befassten Planungsmörder und Genozidbeiträger, wie eine lebenslange Bürde auf.

Man muss sich stets vor Augen halten, was diese Entscheidung für einen so exzeptionell gebildeten Literaten wie Bäcker an freiwilliger Beschränkung bedeutet haben muss: Sein souveräner Umgang mit den Möglichkeiten der Konkreten Poesie hätte ihm eine auskömmliche Autorenkarriere für Experimentellen-Liebhaber ermöglicht.

Bäcker wählte stattdessen absichtsvoll den Weg einer thematischen Einengung: Er lud sich das Vernichtungsrotwelsch der Genozidplaner wie eine Bürde auf. Er begann, aus der vieltausendseitigen Flut der erhaltenen Holocaust-Dokumente Sprachgebilde zu formen - die weder den unmenschlichen Impetus einer vorsätzlich ausgenüchterten "Verwaltungssprache" unterschlugen, noch aber methodische Besserwisserei betrieben.

"zu der zahl von 34.165 toten müssen noch gerechnet werden", steht auf Seite 123 des ersten Bandes der nachschrift, ansonsten bleibt das Blatt leer. Und mit solchen Methoden der aussparenden Reihung, der Montage, der Skelettierung begannen die Dokumente der Mörder wie von unsichtbarer Hand geführt "zu sprechen" - beredter und präziser als in jedem fiktionalen Zusammenhang.
Ganz gewiss hat sich der aus Ried/Innkreis stammende Bäcker seine Teilhabe als HJ-Junge und "Schriftleiter in Ausbildung" am großen, mörderischen Ganzen nie verziehen.

Er hat, im Zusammenwirken mit seiner geliebten Frau Magret, den Experimentellen-Verlag edition neue texte nimmermüde betrieben und vertrackte Autoren wie Reinhard Priessnitz, Liesl Ujvary, Waltraud Seidlhofer oder Franz Josef Czernin auf dem Literaturmarkt erst greifbar und begreifbar gemacht. Als er sein Programm Anfang der 90er an Droschl weitergab, hatte er das schwierigste aller Poesiefelder gut bestellt.
Nun ist Bäcker, einen Tag vor seinem 78. Geburtstag und nur wenige Monate nach dem Tod seiner Frau, am Donnerstagabend gestorben. Einer der ganz Großen, so wird berichtet, entschlief ganz still. (Ronald Pohl/DER STANDARD; Printausgabe, 10.05.2003)

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