Regisseur Wolfgang Becker im Interview

19. Juli 2004, 12:31
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Untergang vorläufig verschoben Der deutsche Kinoerfolg "Good Bye, Lenin!" dreht die Wende um

Wien - Ein historischer Tag: Die Grenzen sind endlich offen. Zu Tausenden strömen die Menschen ins Nachbarland. Angeekelt von der Konsumgesellschaft suchen BRD-Bürger im Osten Zuflucht, in der Hoffnung auf ein ruhigeres Leben und mehr Solidarität.

Die Aktuelle Kamera, die offizielle Nachrichtensendung der DDR, berichtet das in Wolfgang Beckers Good Bye, Lenin!. Es handelt sich jedoch um ein Spiel mit falschen Zeichen, um eine realsozialistische Truman Show, die der jugendliche Alex (Daniel Brühl) eingefädelt hat:

Damit seiner Mutter (Katrin Saß), die während der Wende im Koma lag, beim "Siegeszug des Kapitalismus" nicht das Herz stehen bleibt, beschließt er, die Geschichte der DDR über das Jahr 1989 hinaus weiterzudichten. Die Wohnung wird von westlichem Gut befreit, Spreewälder Gewürzgurken und Marmelade gefälscht, und schließlich müssen eben noch eigens Nachrichten angefertigt werden, damit auch der Überbau stimmt.

Good Bye, Lenin! ist weniger ein Wendefilm als die Komödie einer Familie, die in der Lüge (über-)lebt. Die DDR erscheint darin als symbolische Welt der Mutter, als Enklave, in der man angesichts der rasch fortschreitenden Verwestlichung noch dösen kann.

Draußen nimmt unterdessen die "richtige" Geschichte ihren Lauf. Der Westen zeigt seine Fratze, im Harald-Juhnke-Plakat, in einer Flut neuer Produkte und in Teilzeitjobs auf dem Dienstleistungssektor. Die Komik schöpft Becker aus diesem Perspektivenwechsel, aus der verkehrten Wahrnehmung der Wende, aber auch aus Skurrilitäten des ostdeutschen Alltags. Sein Blick ermöglicht dennoch mehrere Lesarten:

Denn Good Bye, Lenin! legt sich nicht eindeutig fest, ob die DDR nur noch als groteske Diktatur erscheint, über die man heute (endlich) lachen kann; oder ob in ihr doch noch ein Traum weiterlebt, den man - zumal in Zeiten der Rezession - ein wenig sentimental beschwören darf.

Wahrscheinlich muss beides sein, damit der Film sein gesamtdeutsches Publikum vor der Leinwand versöhnen kann. Good Bye, Lenin! fehlt die Konsequenz, das Land und seine Menschen wirklich ernst zu nehmen. Trotzdem geht es auch um vergangene Versäumnisse, denen man sich - nach der Wende - endlich stellen muss.

Allerdings bevorzugt Good Bye, Lenin! eher die naheliegenderen Auflösungen - und zum Schluss wird das Trugbild der mütterlichen DDR endgültig überflüssig. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.5.2003)

Von
Dominik Kamalzadeh

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