Hölle in Dosen

24. Mai 2005, 12:40
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Township-Kunst aus Südafrika boomt in der Internationalen Kunstszene. Robert Haidinger war auf Art Route-Tour in Kapstadt und besuchte Vorgärten, Galerien und Craft Center

Tyrone ist im Stress. Ein bisschen wegen Arlene, die schon wieder Leute ankarrt. Aber hauptsächlich deswegen, weil Tyrone nicht beim Fischen ist. Beim Fischen geht es, sagt er. Da entspannt er sich immer. Aber nicht zu Hause, Mann, nicht in der Wellblechhütte. Denn da herrscht immer die Hölle in Dosen. Und apropos Dosen: Die bunten dort in der Ecke wollte seine Frau gestern allesamt wegwerfen.

So etwas macht Tyrone ganz fix und fertig, denn immerhin hatte er die Dosen-Skulptur ja schon komplett zusammengebaut, das heißt zumindest vor dem geistigen Auge. Doch jetzt regt den Township-Künstler etwas anderes auf. "Dieses Bild können sie nicht fotografieren, Mann!", schreit er fast ein wenig hysterisch. Und gleich darauf, außer Atem, aber richtig nett: "Ich hole nur noch Mangosaft aus der Küche, Mann!"

Warum Tyrone nicht mehr zurückkommt, fragt man sich zehn Minuten später. So groß ist sein Häuschen ja auch wieder nicht. "Weil er beim Mangosaft-Holen eines seiner Bilder neben der Couch gesehen hat und spontan beschloss, es schnell ein bisschen zu übermalen", sagt Arlene. Und lächelt ganz milde. Lächeln hilft immer, schon gar wenn man einen Job wie Arlene Traub hat.

Die Kapstädterin ist Südafrikas First "Art Route"-Lady, und tingelt so durch Townships, für die man als Ortsfremder schon recht spezielle Connections braucht. Von den Drahtseil-Nerven gar nicht erst zu reden. Tyrones Häuschen beispielsweise liegt weit im Osten von Downtown, in einer typischen südafrikanischen No-Go-Zone, und sein Studio erstreckt sich vom gemauerten Gartenzaun, quer durchs klitzekleine Haus bis zum mit Bildern, Skulpturen und Maler-Werkzeug vollgerammelten Verschlag im hinteren Mini-Hof.

So manch einer der Galeristen aus Übersee, die Tyrone Appollis' farbenkräftige Bilder in Europa und den USA zeigten, würden sich wohl nur sehr widerwillig hierher wagen - und so vielleicht den fruchtbarsten Kunstboden des Landes versäumen. Township Art boomt nämlich heute im südlichen Afrika und macht längst auch die internationale Kunstszene auf sich aufmerksam.

Abenteuerliche Sperrmüll-Skulpturen und farbenkräftige Gemälde sind das gemeinsame Markenzeichen der zahlreichen lokalen Künstler, deren Studios von Arlene Traub regelmäßig abgeklappert werden - im Rahmen der "Art Route-Touren" eben auch gemeinsam mit interessierten Touristen. Kunstfreunde können gleich vor Ort kaufen, und fotografische Portfolios helfen ihnen bei der Vorauswahl. Das heißt im optimalen Fall, denn ganz so einfach läuft der Deal mit den südafrikanischen Bohemiens mitunter auch wieder nicht.

"Wenigstens hat Tyrone ein Telefon", sagt Arlene aus Erfahrung. "Andere Künstler sind für Tage wie vom Erdboden verschluckt." Tyrone jedenfalls ist wieder aufgetaucht. Er hat das Bild fertig übermalt und sucht jetzt nur noch das Video, das ihn als begnadeten Sänger und Gitarristen und später auch noch bei einer poetischen Lesung zeigt. "Lost City" heißt sein Gedicht, und die erste Zeile davon lautet: sunday midnight blue.

Kobaltblau statt bluesig sticht in der benachbarten Langa-Township das markante Gebäude des Guga S'Thebe Art Centers in den diesigen Himmel. Dass Tyrone Apollonis ein nervöser Universalkünstler der Townships ist, weiß auch Velile Soha. Er macht Besucher im Rahmen von Township-Tours mit lokalen Kulturprojekten vertraut und verweist dabei auch gerne auf seine großflächigen Keramik-Reliefs, die nun die Wände des Kulturzentrums schmücken - Scherbenmosaike von verlorenen Heimatdörfern, die wie Oasen in der ausgedehnten Township-Wüste auftauchen.

Paradiesisch sprießende Bäume und Geckos mit gerollten Zungen sind hier abgebildet. Den Viehhirten glänzt die Sonne wie echter Schweiß auf der Keramik-Stirn. Die Zuzügler, die heute die Townships rasant anwachsen lassen, haben ihre Wurzeln keineswegs vergessen. Darauf verweist allein schon der Name des Kulturzentrums. "Guga" heißt es, so wie jener große Kessel, an dem Südafrikas Dörfler ihre gemeinsamen Mahlzeiten einzunehmen pflegten. Jetzt speist die Kunst die Seelen der hier lebenden Menschen und mit etwas Glück auch die Bäuche ganzer Familien.

Mitunter verschwimmen dabei die Grenzen zwischen Kunst und Folklore. Einen Steinwurf vom Guga S'Thebe entfernt, üben sich Hausfrauen mit pinkfarbenen Lockenwicklern im "Langa Craft Center" am Genre "Trash Art". Farbenfrohe Blechschalen aus Sardinendosen sind Teil des gebotenen uvres, aber auch größere Stücke: Aus den zerschnipselten Plastiktüten der nahen Supermarkt-Filiale werden gleich ganze Plastikteppiche gestrickt. Zuletzt findet sich das Firmen-Logo der Tüten penibel im Zentrum des Teppichs wieder: SPAR.

Doppelbödig fällt das Recycling von Alltagsmüll aus, flauschig raschelt es als Bettvorleger am Boden. Sogar die renommierte AVA-Galerie, die Association for Visual Arts an der Kapstädter Church Street, zeigt heute diese neue Folklore der modernen Wegwerfgesellschaft.

Ähnliche Beispiele südafrikanischen Recycling-Genies finden sich im ganzen Land: Aus Bierdosen, Altmetall und Fahrradspeichen entstehen Tiere, CD-Ständer oder Modellautos. Touristen tragen sie längst in alle Welt.

Die Anonymität dieser neuen südafrikanischen Volkskunst hat Willie Bester weit hinter sich gelassen. Der vielleicht bekannteste Künstler Südafrikas arrangierte den Schrott der Vorstädte zu Figuren im Stile von "Terminator" und fügte all den Zahnrädern und Radketten auch noch ausrangierte AK 47-Maschinenpistolen bei. Oder ein abgegriffenes Exemplar der "Bybel" in Afrikaans. Zitate aus dem Fundus der Apartheid-Gesellschaft sind bei Bester, der heute im mittelständischen Vorort Kuilsriver ein geruhsames Leben führt, allgegenwärtig. Geändert haben sich die Dinge trotzdem.

Galt seine Protestkunst während der Jahre des Befreiungskampfes als politisches Statement, so produziert Bester heute vor allem für Galerien zwischen Paris und New York. Doch auch der durchschnittliche Kapstadt-Tourist stolpert früher oder später über Beispiele seines Werks: Mitten im kolonial geprägten Herzen von Kapstadt, und zwar in der blendend weißen South African National Gallery steht eines seiner Soldaten-Skelette habt Acht. Mit Ethno-Fummel wollen auch die ganz Jungen nichts mehr am Hut haben.

Wer an der Chapel Street des Kapstädter Woodstock-Viertels bei CAP vorbeischaut, dem nicht-staatlichen Community Arts Project, kann sich davon überzeugen. Zornig wettern die Studenten vor den ausgebleichten Graffity-Wänden des Innenhofes gegen landläufige Klischees: Die staatliche Diktion von "political correctness" mit ihrer Fixierung auf die jüngste Vergangenheit engt den künstlerischen Zugang ein. Ähnliches gilt aber auch für den neuen Mythos von der "Kunst aus dem Ghetto", der nun auch Johannesburger Galerien die Fühler nach Soweto und in andere Townships ausstrecken lässt.

In einem sind sich die CAP-Studenten freilich einig: Zentrum der südafrikanischen Kunstszene bleibt Kapstadt. Hier landen fast alle, die sich die Abwanderung leisten können. Und im Idealfall läßt sich sogar ein Platz in einer der Atelier-Gemeinschaften ergattern. Die gleich ums Eck gelegenen "Greatmore Studios" sind so ein Fall, bei dem die Township-Artisten mitten in die Stadt kommen. Velile Soha hat sogar seine Linolpresse hierher karren lassen. Aber Tyrone sicherlich nichts. Soviel Downtown-Nähe hält er nämlich nur schlecht aus. (Der Standard/rondo/9/5/2003)

Info

Art Route Studio Tours, Cape Town, Camps Bay, PO Box 32115, Tel / Fax: 021 / 438 / 1131, Mobil: 083 259 7788, E-Mail: arlenetraub@hotmail.com
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    Eine Kappe aus Aludosen

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